Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 63 (1919)
- Issue
- Heft 3
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 372 (sequence 9)
- Language
- German
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372 Besprechungen, Seine Theorie aber wirft, wenn sie zutrifft, Alles über den Haufen, was wir bisher von der Entwicklung der mündlichen Lehre und von ihrem Verhältnis zur schriftlichen wußten und was man seit Jahrtausenden darüber geglaubt hat. Die alten Lehrer des Judentums waren immer der Überzeugung gewesen, daß zwischen der mündlichen und der schriftlichen Lehre, ein enger, unlöslicher, organischer Zusammenhang bestehe, und daß die Tradition nichts anderes sei, als die Entfaltung der Thora. So nennt z. B. Raba die Schrift die Blüte, die Mischna ״ die Knospe und die Gemara nennt er den Granatapfel. (Erubin 21 a bei der Erklärung von Schir Haschirim ' 7, 13.) Wir waren auch immer der Meinung gewesen, daß von jeher, auch in den ältesten Zeiten, die Thora erforscht und die mündliche Lehre an die schriftliche angeknüpft worden sei. Die entgegengesetzte Theorie Leszynskys hängt an einem einzigen Nagel, an der Erklärung^der Mischna Chagiga II, 2. An dieser berühmten Stelle wird uns die nach der Auffassung unserer Alten erste Kontroverse zwischen den Lehrern mitgeteilt. Bisher wurde, sie immer so übersetzt: »Jose ben Joeser sagt, man dürfe (das Opfertier an Festtagen) nicht stützen, Jose ben Jobanan sagt, man dürfe stützen.« Leszynsky dagegen versteht die Mischna so: »Jose ben Joeser sagt, man dürfe die mündlich e Tradition nicht auf dasBfbelwort stützen, während Jose, ben Jochanan das erlaubt.« Er nimmt also סמך in der Bedeutung, die es später in dem Substantiv אסמכתא hat. Demnach hätten sich also einige Generationen lang die Schulhäupter über die neue Methode ge״ stritten, durch die die mündliche Lehre begründet werden könne. Gegen diese Auffassung möchte ich zunächst ein Bedenken chronologischer Natur . anführen. Leszynsky zufolge hätte sich der Widerstand gegen die Tradition nach der Besiegung der Syrer geäußert (S.T19) Jose ben Joeser aber ist bereits vorher umgekommen 1 (Vgl. Makk. I, 7, 12 ff, Grätz II, 1. Aufl. S._369). Auch davon abgesehen halte ich diese Deutung der Mischna aus vielen Gründen für falsch., Zunächst aus sprachlichen,. סמך bedeutet: Jemanden mit der Hand stüt2en oder jemanden die Hand auflegen. Einen Lehrsatz auf ein Bibel wort stützen[ aber heißt סמך על oder ähnlich. (Belege bei Bacher, Die Terminologie der Bibel- und Traditionsexegese I. S. 133.) Mithin steht' in unserer Mischna nicht das, was Leszynsky aus ihr herausliest.