Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 63 (1919)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Kaiser Friedrich II. und die deutschen Juden
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 322 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2829132-2829892-2829896-2894921--43739-2895056- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
822 Kaiser Friedrich II. und die deutschen Juden. gewesen sein, die Friedrich veranlaßt haben, zunächst die Sache auf sich beruhen zu lassen. Den toten Juden konnte er nicht mehr helfen, er konnte nur weiteres Unheil verhüten, und dies tat er, indem er dafür sorgte, daß die Leichen der angeblich von Juden ermordeten Kinder beerdigt wurden, damit die ganze Angelegenheit ein Ende fand. Es liegt mir durchaus fern, hier an dem Kaiser eine Mohrenwäsche vornehmen zu wollen, aber es ergibt sich ein falsches Bild, wenn man sein Handeln nicht unter allgemeinen Gesichtspunkten betrachtet. Wie falsch ist die Auffassung von Graetz, daß »er die Juden wie eine verachtete Menschenklasse behandelte«, wie ja überhaupt Graetz aus seiner allgemeinen Verbitterung heraus zu oft den historisch-kritischen Standpunkt verläßt, und die geschichtliche Betrachtung der jüdischen Vergangenheit kann ja durch eine objektive Behandlung nur gewinnen. Da kommt Güdemann1) den Dingen schon viel näher, wenn er von Friedrich sagt: »Er ist so widerspruchsvoll, wie sein ganzes Leben überhaupt Von fanatischem Hasse, von irgendwelchem Vorurteile gegen die Juden kann bei Friedrich keine Rede sein, aber ebensowenig von Toleranz und Humanität.« Es spricht für die Gewissenhaftigkeit des Kaisers, daß er, als sich Anzeichen bemerkbar machten ־— wohl im Anschluß an die Fuldaer Vorfälle, — daß der Haß gegen die Juden auch im übrigen Deutschland im Wachsen ist, eine Kommission von Männern aus den angesehensten Ständen des Reiches einberuft, um die Sache untersuchen zu lasseri. Wie er selbst auch von der Unschuld der Juden von vornherein auf Grund seiner eigenen Studien überzeugt war, so mußte es doch in ihrem eigenen Interesse liegen, wenn ן) a. a. O. S, 102. ich glaube doch, daß man bei Friedrich von Toleranz reden kann, denn Unduldsamkeit des Glaubens wegen lag ihm vollkommen fern! Auch eine »eingeimpfte Antipathie gegen die Juden«, von der Güdemann (a. a. O. S. 103) spricht, kann ich nicht bemerken. Es ist nicht erweislich, in wie weit er »den biidungsfeindlichen Charakter« der damaligen deutschen Juden erkannt hat. Sie waren ihm lediglich Gegenstand der Politik, wie noch weiter zu zeigen sein wird.