Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1919-01-01 · Heft 3 · p. Seite 320

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
63 (1919)
Issue
Heft 3
Article
Kaiser Friedrich II. und die deutschen Juden
Date
1919-01-01
Page
Seite 320 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2829132-2829892-2829896-2894921--43737-2895054
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

320 Kaiser Friedrich II. und die deutschen Juden. betätigt. Jedoch würde es mir verfehlt erscheinen, aus dieser Urkunde eine besondere Gedrücktheit ihrer Lage herauszulesen, wozu der Ausdruck »servi« keine Veranlassung bietet; viel eher kann man ein gewisses Wohlwollen des Kaisers für sie erkennen. Doch dürfte aus den angeführten diplomatischen Gründen es sich empfehlen, überhaupt auf diese Urkunde nicht allzuviel Gewicht zu legen. Da wirft der bekannte Vorfall in Fulda schlagartig ein helles Licht auf Friedrichs wahre Gesinnung zu den Juden und seine weit über seine eigene Zeit hinausragende Vorurteilslosigkeit. Wir rekapitulieren den Vorfall, wie er sich nach den Quellen abgespielt haben soll, kurz noch einmal1). 32 Juden waren von den Bürgern der Stadt Fulda unter Mitwirkung der zufällig anwesenden Kreuzfahrer erschlagen worden, weil sie nach ihrem angeblichen Eingeständnis .beschuldigt sind, daß 2 von ihnen am Weihnachtstage die 5 Knaben eines Müllers, der vor den Toren der Stadt wohnte und sich mit seiner Frau in der Kirche befand, elend getötet, ihr Blut als Heilmittel in wachsgetränkte Beutel gesammelt und das Haus angezündet hätten. Man bringt die Leichen der Kinder nach Hagenau zum Kaiser, der glatt erklärt, und wir glauben, ihn, den großen- Ironiker seiner Zeit vor uns zu sehen, der weit über allen Wahnideen steht: »Wenn sie tot sind, so geht und begrabet sie, da sie doch zu etwas anderem nicht taugen.« (Si morlui sunt, ite, sepelite eos, quia ad aliud non valent). Wie leicht hätte es ihm sein können, wäre auch der Schimmer eines Verdachtes in seiner Seele gewesen, daß an der Beschuldigung etwas Wahres sein konnte, hier eine Judenverfolgung schlimmster Art in Scene zu setzen; denn die Stimmung der Bevölkerung war infolge der Kreuzzugsbewegung in fortwährender Siedehitze. Alles derartige lag ihm fern. Aus dem vertrauten Umgänge, den er im fernen Sizilien mit den Besten seiner Zeit pflegte, man *) Aronius, a. a. O. Nr. 473. vgl. jetzt auch Germania Judaica Bd. 1 S. 113 »Fulda« (verfaßt von Löwenstein.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.