Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 63 (1919)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Jüdische Geschichte und Religionsphilosophie
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 101 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Geschichte und Religionsphilosophie, 101 Ist aber der Gottesgedanke selbst dieser Prüfung entzogen? Dies kann nicht sein, so gewiß der Glaube an Gott die innerste Entscheidung der Seele ist. Diese Entscheidung erfolgt oft unbewußt, gemäß den unkontrollierbaren Einflüssen unserer Umgebung, ist oft eine Entscheidung des Zufalls und der Unfreiheit. Sie zur Entscheidung des Bewußtseins und unserer Freiheit zu machen, ist der Sinn der Religionsphilosophie. Wenn aber Philosophie überhaupt notwendig geschichtlich bedingt ist, so kann auch die.religionsphilosophische Entscheidung des Gottesgedankens keine einmalige für alle Zeiten sein. So wie das Rätsel des Lebens von jedem Geschlecht neu empfunden wird, wie Umwelt und Innen welt des Menschen in wesentlichen Beziehungen sich wandeln, die Triebfedern und Ziele des menschlichen Lebens und Strebens mit verschiedener Intensität und Richtung sich herausheben, Wirtschaft, Staat, Wissenschaft, Kunst, Gesellschaft ein immer neues Gepräge finden, sinkt oder steigt der Wert des Lebens, ändert sich der Sinn, der ihm zügesprochen wird, oder erhält er eine andere Färbung durch das Ganze des Lebens, auf das er bezogen ist. Der Gottesgedanke aber ist die Verankerung des Sinnes des Menschenlebens im Leben Gottes. Wie sollte also die Religions- Philosophie -der immer neuen geschichtlichen Problemstellung sich entziehen dürfen! / Die jüdische Religionsphilosophie hat sich dieser Aufgabe der immer neuen Auseinandersetzung mit der Kultur der Zeit nicht entzogen. Bedeutet schon die Schöpfung der jüdischen Religion eine entscheidende kritische Auseinandersetzung mit der Religion des heidnischen Polytheismus, die von den Propheten in einem tiefen Ernst der Entschlossenheit zum Gegensatz von Gott und Götzen durchgeführt wurde, so folgt auf das Eindringen wissenschaftlicher Bestrebungen mit der hellenistischen Kultur auch die Auseinandersetzung zwischen der Bibel und dem Besten der griechischen Wissenschaft, dem Platonismus in der Philosophie Philos. Im Bunde mit den Arabern waren die Juden im Mittelalter die Träger der wissenschaftlich-künstlerischen Bildung und die Übermittler des Kulturschatzes der Antike und des Orients