Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 63 (1919)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Jüdische Geschichte und Religionsphilosophie
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 100 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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100 Jüdische Geschichte und Religionsphilosophie. Was ist dann die jüdische Geschichte der menschlichen Seele? Hat die jüdische Geschichte einen eigenen Tön, der sie dem menschlichen Herzen unverlierbar macht? Spricht sich in ihr eine Überwindung des Lebens aus, die Grundlage unseres Strebens und Suchens nach einem Sinn unseres Lebens zu sein vermag? Die jüdische Geschichte hat diese Frage längst beantwortet. Wo in allen Tempeln der Welt Gott angebetet wird, in welcher Sprache, in welchem Kultus, in welchem Vorstellungskreise immer, da lebt die jüdische Geschichte als mächtige Gegenwart, wie schwer immer es sei, sie als solche zu erkennen. Die jüdische Geschichte ist die Schöpferin der monotheistischen Rehgion. Die Anbetung des. Einen die Welt erschaffenden und beherrschenden heiligen Gottes ist das Herz der jüdischen Geschichte, der tiefste Quell von Israels Läuterungen, Vereinsamung, Schicksalen, Leiden, Hoffnungen, Freuden. Israel ist nach dem tiefen Wort des Propheten der Knecht Gottes, der die Schmerzen und Freuden dieses Dienstes, auf sich genommen hat. Es ist die Aufgabe der Geschichtserkenntnis, dem Geheimnis* dieser Schöpfung nachzugehen, die Zusammenhänge zu erforschen, aus denen diese schöpferische Erkenntnis Gottes sich erhebt״ Wir fürchten nicht durch Babel, Ägypten und Kanaan um den selbständigen Gehalt der jüdischen Geschichte gebracht zu werden״ Nicht einem Zufall verdankt das jüdische Volk den Ruhm und die Pflicht, das Volk Gottes zu sein. Wohl aber ist es unsere• Aufgabe, die Gotteserkenntnis nicht als unseren unverlierbaren Besitz zu betrachten, den wir äußerlich erwerben können, um ihn zu besitzen. Wenn irgend etwas, wollen seelische Entscheidungen nicht übernommen werden, sondern aus der Kraft und Tiefe des eigenen Ich gefällt werden. Soll darum die jüdische Religion nicht aufhören, das Herz der jüdischen Geschichte zu sein, so ,darf die lebendige Auseinandersetzung mit dem Gottesgedanken in Zielsetzung und Tat nicht äufhören, Qudlpunkt alles jüdischen Lebens zu sein. Es ist die hohe Pflicht der jüdischen Religions- Philosophie, das Zentrum dieser ewig neuen Prüfung und Orienlierung des jüdischen Lebens im Lichte des Gottesgedankens zu sein״