Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 63 (1919)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Jüdische Geschichte und Religionsphilosophie
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 99 (sequence 2)
- Language
- German
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Jüdische Geschichte und Religionsphilosophie. 99 liehen Bewegung ideell entrückte Ziel des Geschehens, wird bei der Anerkennung des Wechsels und Wandels der geschichtlichen Lebenswerte nicht einem Relativismus und Skeptizismus verfallen, sondern in dem Reichtum der ewig neuen und wandelnden Kulturschöpfungen des geschichtlichen Lebens den in aller zeitliehen Bedingtheit und notwendigen Verschiedenheit des Lebensgehalts zum Ewigen sich erhebenden Menschenwilien andächtig fühlen. Wohl gibt es keine mathematische und auch keine einheitliche Erkenntnis des Ewigen, aber es gibt eine noch viel fundamentalere Erkenntnis als die des Verstandes, das ist die im Ringen mit den Gewalten des Lebens sich in Gefühl, Phantasie, Wille immer neu vollziehende Schöpfung des Idealen. Das ge- :schichtliche Leben der Menschheit ist die ewig neue Überwindung;und Verklärung des Lebens durch Neu-Schöpfung des Ewigen. Wenn aber das Wertschaffen tiefst geschichtlich bedingt ist und die Unwiederholbarkeit des geschichtlichen Lebens eben diese innere Wandlung des menschlichen Lebens, Strebens, Fühlens zum Ausdruck bringt, verliert dann nicht die Vergangenheit, eben .als Vergangenheit, ihren Sinn für die Gegenwart unseres eigenen Lebens und Strebens, lähmt alle Geschichte dann nicht nur die freie Initiative des schöpferischen Jetzt? Eine solche An- :schauung übersieht die tiefe innere Kontinuität der seelischen Entwicklung, die wieder zur Voraussetzung hat die wurzelhafte Einheit alles Menschlichen und uns fremdes Leben auch vergangener Zeiten und ferner Zonen in ihrem ewig menschlichen Gehalt nachempfunden läßt. Einheit und Vielheit sind die doch :zusammengehörigen Pole auch alles geschichtlichen Lebens; in •der■tief inneren Verschiedenheit der Völker, ihrer Charaktere, Schicksale, Erlebens- und Wirkensweise ist es doch dasselbe menschliche Herz, das in seinem Hoffen, Lieben, Leiden, Hassen, Streben das Lied vom Menschenleben immer neu erschafft. Alsdann aber eröffnet sich unserem Blick die Welt des geschichtlichen Lebens als die Heimat der Seele, die in den tausend Aufstiegen und Zusammenbrüchen der geschichtlichen Welt sich selbst erkennt. 7