Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1918-01-01 · Heft 3 · p. Seite 263

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
62 (1918)
Issue
Heft 3
Article
Aus H. Graetzens Lehr- und Wanderjahren
Date
1918-01-01
Page
Seite 263 (sequence 33)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2829132-2829887-2829891-2894562--43323-2894705
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Aus H. Graetzens Lehr- und Wanderjahren. 263 das durchdringende Gefühl meines Nichts hielten mich so lange ab, den Gedanken in Wirklichkeit übergehen zu lassen. Ew HW appellieren an mein Inneres, ob es noch denselben Wunsch hege, worauf ich EHW versichern kann, daß ich mein Herz erst nicht zu prüfen brauche, sondern alle Seiten desselben so wie mein ganzes Wesen ein ־freudiges »Ja« ertönen lassen. Und in der Tat könnte nicht die von EHW an den Tag gelegte Selbstverläugnung und ענוה mich nötigen, wenn ich mir noch das Ideal nicht so vollkommen gedacht, ihm die Krone aufzusetzen, und es den Meistern der Vergangenheit an die Seite zu stellen. Aber ich darf nicht so reden, ich könnte sonst bei EHW für einen Schmeichler gelten. Aber ich bewundre nur den Wiederbringer des Geistes in das so lang entgeisterte und verunstaltete Judentum, wie jeder, der nicht allein Sinn für das Wahre und Edle verloren, es tun müßte, aber ich verehre den Lehrer der Tugend und Gottesfurcht mitten in einer überfeinerten und egoistischen Welt; und bin daher in spe, diesen Mann und Seine Lehrmethode des Thauro-Studiums in הלכה kennen zu lernen, so glücklich, daß ich mir keinen Begriff machen kann, wie sehr ich es in re seyn werde. Aber ich sage Ew HW voraus, daß Sie nicht mehr als ein fühlendes empfängliches folgsames und gelehriges Herz an mir finden. Das Verhältnis, welches EHW nach meiner Beantwortung zu ordnen beabsichtigen, kann und will ich nicht ergründen; ich versichere nur EHW, daß wenn es mir vergönnt seyn würde, den geringsten Dienst dabei zu leisten, EHW im voraus auf meinen Gehorsam rechnen können, daß mit einem Worte meine Seele und mein Körper EHW gehören. Wie es mit meiner Existenzversicherung stehen wird, worüber EHW mich so liebevoll und schonend befragen, will ich Ew HW der Wahrheit gemäß eingestehen. Ich habe mir, seitdem ich die Licht- und Schattenseiten der Welt kennen und den wahren Wert der Dinge schätzen gelernt, mir mit des Ewigen Hilfe die Entbehrung angeeignet, so daß ich sogar dem Mangel trotzen kann. Ich bin so indiskret, damit zu prahlen, u. Ew HW zu zeigen, wenn ich nur die unentbehrlichsten Bedürfnisse habe, ich vollkommen zufrieden seyn könne. Das Übrige werden mir meine nicht ganz unbemittelten Eltern zufließen lassen. Ich gratuliere EHW zur Erfüllung Ihrer Prophezeihung, es werden Schritte zur All Verbrüderung gemacht. Wer würde es vor 30 Jahren geglaubt haben, daß jetzt die Bekenner dreier Konfessionen, deren 2 sich vor noch nicht 200 Jahren mit dem Schwerte die Religion aus dem Herzen schneiden wollten, und die dritte sich vor der Wut der Fanatiker in Schlupfwinkel verkriechen mußte, jetzt gemeinschaftlich an einer Kirchenzeitung arbeiten werden? EHW werden mir hoffentlich diese Abschweifung verzeihen, ich bin ob dieser Nachricht als Omen baldigen Erreichens des vorgeschriebenen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.