Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 62 (1918)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Aus H. Graetzens Lehr- und Wanderjahren
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 262 (sequence 32)
- Language
- German
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262 Aus H. Graetzens Lehr- und Wanderjahren. »Weise Sie hier sich Ihre Existenz zu sichern beabsichtigen. Sie werden »mir diese Frage, hoffe ich, weder verargen noch mißdeuten. Sie ge- »schieht nur deJßhaib, weil ich gerne bereit bin, wenn Sie vielleicht »dessen bedürfen, zur Erleichterung derselben während Ihres hiesigen »Aufenthaltes nach Kräften beizutragen. Sprechen Sie sich daher so »offen und ohne Scheu gegen mich aus, wie ich es offen gewagt, diese- »Frage an Sie zu richten. Es grüßt Sie freundlichst — Oldenburg, 2fj Decemb. 36.« Welche Klarheit des Ausdrucks, welche himmlische Bescheiden״ heit? welche Philantropie und welche Bereitwilligkeit herrscht in diesem Briefe! Die schönsten Hoffnungen umgaukeln meine Phantasie, und Bilder einer goldnen Zukunft schweben mir wie leicht geflügelte Amoretten vor. Jedoch mein Hauptwunsch geht dahin, meinen Qiaubensbrüdern [bei der] Reinigung ihres abergläubigen Schmutzes, und Verbannung ihres ungeheuren Eigennutzes, der Triebfeder ihrer sämtlichen Handlungen aus ihrem Herzen, nützlich zu seyn«. Selbstverständlich war am nächsten Posttage die Antwort fertig. Darüber berichtet das Tagebuch: »Heute, Lundi, 10 Schebat, 16/1.37, Abend sandte ich wieder unter günstigen Ausipien eine Antwort an den idolirten Rabbiner ab. O möchte er ihn nur wohlgefällig aufnehmen,!di bin so hoffnungsvoll, so von ihm angezogen, daß ein Mißlingen mich wer weiß zu was bringen können würde. Doch der Ewige, der meine reinen Gemeinnutz bezweckenden Absichten kennt, wird mich nicht so unglücklich werden lassen. Folgenden Brief schrieb ich zur Antwort: »Wie sehr Ew Hw Brief und die über alle Erwartung liberale Gewährung meines kühnen Wunsches, [mich] hochbeseligt, können EHW Sich nur dann imaginiren, wenn Sie mir Glauben beimessen, daß der Wunsch, mein Leben der Thauroh und ihrer Erfüllung zu widmen, um dadurch Jude im wahren Sinne zu werden, meine ganze Seele ausfüllt. Ew HW Mißtrauen, daß meine Gefühle nur augenblickliche verfliegende Schwärmerei gewesen seyn könne, würde mich kränken, wenn mich die Hoffnung nicht tröstete, mich bald EHW von einer bessern Seite zeigen zu können. Der Gedanke, unter dem Verfasser der Briefe die Lehrjahre des reinen wahren Judentums zu machen, beschäftigt meine Seele schon über ein Jahr, und nur erst die Anonymität des Verfassers, später eine unerklärbare ehrfurchtsvolle Scheu, und