Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 62 (1918)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Aus H. Graetzens Lehr- und Wanderjahren
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 261 (sequence 31)
- Language
- German
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Aus H. Graetzens Lehr- und Wanderjahren. 261 und Wohlthäter der Menschen, welcher Plan mich am meisten beschäftigt, werden zu können. Ach, wie oft habe ich mir diese Stunde so reizend und freudevoll als möglich geträumt, und nun — dank Dir, gütiger Gott, dem stilles Gebet und Dankopfer des Herzens lieber ist als polterndes Lärmen der Wahnsinnigen — hat sie geschlagen! Aber ich bemerke in dieser Stunde, daß die Freude wie der Schmerz ihr Maß und [ihre] Gränze hat, und wenn sie den höchsten Grad erreicht, erschlafft sie. jetzt übermannt sie mich dergestalt, daß ich unfähig zu denken bin. — Bei dieser Begebenheit kehrt sich ebenfalls eine Ähnlichkeit des Geschickes mit meinem verstorbenen Freunde Wieland hervor, welcher auch als 20 jähriger Jüngling von dem Begründer der Wissenschäften in Deutschland, dem menschenfreundlichen Bodmer, nach Zürich berufen wurde, und dabei ebenfalls in solches Entzücken gerathen, und die glänzendsten Aussichten entworfen. Der Inhalt des küssenswerthen Briefes vom göttlichen Manne lautet folgendermaaßen: »Mein lieber junger Freund! »Ihren gegen mich ausgesprochenen Wunsch erfülle ich gerne und »mit Freuden nach Kräften. Sie kennen den Spruch der Weisen1): »יותר מהעגל רוצה לינק הפרה רוצה להניק und wenn daher, wie ich »nach Ihrem Briefe gerne voraussetze, die dort ausgesprochene Ge- »sinnung nicht nur augenblickliche Stimmung, sondern es wirklich »Ihr lebendiger Entschluß ist, Thauroh um ihrer selbst willen zu lernen, »so sind Sie mir von Herzen willkommen, und ich werde Sie nach »פסח הבע״ל gern bei mir sehen. Eine Bitte habe ich doch voraus- »zuschicken. Sie haben Sich im Feuer des Gefühles ein Ideal vom »Verfasser der Briefe entworfen, das weit über die Wirklichkeit ragt. »Reduziren Sie daher dieses Bild auf die Hälfte, ja auf das Viertel Ihres »Ideals, und prüfen Sie sich, ob Sie auch dann noch zu ihm sich hin- »gezogen fühlen, erwarten Sie keinen schon vollendeten Meister, sondern »einen selbst noch in Forschen begriffenen Mann, und sagt auch dann »Ihr Inneres noch »Ja«, so kommen Sie. Gerne würde ich es aber so- »bald als möglich wissen, ob ich Sie nach Peßach zu erwarten habe, »weil ich danach ein anderes Verhältnis zu ordnen haben würde. Theilen »Sie mir auch, wenn Sie nichts dagegen haben, gefälligst mit, auf welche x) Peß. fol. 112 b.