Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 62 (1918)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Aus H. Graetzens Lehr- und Wanderjahren
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 259 (sequence 29)
- Language
- German
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Aus H. Graetzens Lehr- und Wanderjahren. 259 dem Grunde, weil sie sonst ihre als Irrthum erkannte Denkart dadurch aufgeben müßten! Nein! Ew. H. W. haben recht, unser Jahrhundert ist für solche hohe Ideen noch nicht reif. Die Geschichte Allrichterin, der diese Momente nicht verborgen bleiben werden, wird sie als eine wohlthätig wärmende Morgensonne, die auf die Aurora hundertjähriger Kultur gefolgt, begrüßen, und die Nachwelt wird einsehen, wie mit Unrecht einige Reformatoren aus Unkenntniß unjüdische Pflanzen in den Garten des Herren einsetzten und den pTjfcP beschneiden wollten, da doch ein Gärtner sich vorgefunden, der die verdorrt scheinenden Aeste mit Geist befeuchtete und ihnen frisches, erquickendes Grün und neue Blüthen entlockte, die nur auf eine erforderliche Wärme hoffen, um die schönsten, saftigsten und lebenvollsten Früchte zu tragen. O, welche traurige Niedrigkeit der Zeit, wo die Wahrheit in ihrem strahlendsten Lichte verkannt wird! Ew. H. W. mögen mich nur nicht für arrogant halten, daß ich vorgäbe, ich hätte die ganze Tiefe der Ideen erfaßt; ich gestehe vielmehr ein, daß noch viele Stellen, die meinen blöden Verstandesaugen dunkel scheinen, welches mich um so mehr betrübt, da niemand außer Ew. H. W. vermögend ist, mir wahres Judenthum und wahre Talmud-Exegese zu lehren. Ach, darf ich die Kühnheit aussprechen? Wenn es mir vergönnt wäre, in Ew. H. W. lichtvoller Nähe unsre heilige Thauro, wie Ew. H. W. sie uns reichen, die das Lob Dawids im 19ten Psalm verdient, aber nicht eine Kleinigkeitsgrübelei und Disputationsflitterware ist, zu erlernen, damit ich wahrer Jude von der Thauro Geist durchdrungen werden könne. Wie würde ich dann jauchzen, mit der neu geborenen Thauro frohloken, und mit Freuden die Vorschrift unsrer erlauchten Weisen1) □מפת במלה תאכל ומי במשורה תשתה ובתורה אתה עמל erfüllen! Sol! denn Ew. H. w. glücklieber Freund Benjamin allein das Recht haben, Weisheit und Erleuchtung aus der unversiegbaren Quelle Ew. H. W. zu schöpfen? Und jedem andern soll sie unzugänglich seyn! Nein, Ew. H. W., der Esro unsres Geistes-Golus, sind berufen, jedem Lehrbegierigen ihre Geistesfülle theilhaftig werden zu lassen, um an diesem Stabe das hochaufgesteckte Ziel des Daseyns besser hinanklimmen und den Talmud als Lebens- Vorschrift, nicht als Futter bringende Wissenschaft, studieren zu können. Ja, ich bin es gewiß, der große Mann und der ächteste Jude unsrer Generation wird sich eines nach Wahrheit dürstenden Jünglings erbarmen und mir auch einen Strahl Ihrer Erleuchtung vergönnen. In Demuth erwarte ich also, daß Ew. H. W. mich einer günstigen Antwort würdigen werden, den Verleumdern zum Trotz, die hämisch ausrufen: »was hilft das Wort, die That muß lehren«! — und ich werde sodann auf den Aboth VI, 4. 17