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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1918-01-01 · Heft 3 · p. Seite 258

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
62 (1918)
Issue
Heft 3
Article
Aus H. Graetzens Lehr- und Wanderjahren
Date
1918-01-01
Page
Seite 258 (sequence 28)
Language
German
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258 Aus H. Graetzens Lehr- und Wanderjahren. — dann will ich den herbsten Kelch des Geschickes standhaft und herzhaft ertragen. Der Inhalt des Briefes ist folgender. Ew. H. W. ahnen es wohl nicht, daß ihre göttliche Epistel auf Hundert Meilen ein Herz gefesselt, das wie von magischer Kraft angezogen, unwiderstehlich zu dem Verfasser derselben hinflattert. Wenn diese אגרות צפון/ dieses vom Schmutze falscher Ansichten gereinigte Judenthum der erstaunten Welt ein wunderbares, nie gesehenes Meteor scheinen, so sind sie mir, feurigem, nach Wahrheit strebendem Jüngling ein helles Sonnenlicht, das mir die Dunkelheit erleuchtet, und mir den Abgrund zeigt, in den er unwiederbringlich gestürzt wäre. Ew. H. W., der Sie die Motive des zeitigen Strebens unsrer Glaubensbrüder und die Ursachen des grellen Abstands der Denkart unsres Saeculums von dem der Vergangenheit so sonnenklar dargethan, werden den Kampf, der in einem Herzen zwischen der geerbten und durch eine schiefe und schillernde Talmudhermeneutik gebildeten Religions- und Weltansicht, und einer von profanen heidnischen, sogar antijüdischen Autoren hervorgeholten und jener schnurstraks zuwiderlaufenden Zeitgeistesansicht rege wird, erklärlich finden. Ein solcher dauernder und verwundender Kampf hätte bei mir bald der Irreligiosität das Übergewicht gegeben; schon schwebte ich an dem höllischen Rande, ach, unwiederruflich verloren — da erschienen Ew. H. W. Briefe, wonach ich sogleich hastig griff, jede Zeile, mir ein rettender Engel, gierig verschlang, und welche das Eis des starren schrecklichen Skepticismus von meinem Herzen schmelzte, und meine Gefühle und Gesinnungen in rein und ächt jüdische verwandelte. Nein, der todte Buchstabe vermag nicht die Entzückung auszudrücken, die eine solche höchst wunderbare, von der allgütigen Vorsehung gesandte schnelle Rettung aus dem Labyrinth des Geistes und des Herzens hervorzubringen im Stande ist. — Schon die Anklage schien mir aus dem Herzen geschnitten, und die allmählich sich entwickelnden himmlischen Ideen gossen mit jeder Pagina linderndes Öl in die vom heftigen Kampfe noch blutenden Herzens wunden. Ich erwartete nun nichts mehr, als daß die kultivierte Welt, Juden und Nichtjuden, nach Lesung und Erfahrung dieser Schrift und Anerkennung ihres Menschenberufes und Daseinszweckes diese himmlischen Ideen, an und in das Herz mit Enthusiasmus gedrückt, sich um die Fahne der Thauro versammeln, einen Vereinigungskreis um Ew. Hochwurden, als den Meister, bildend, und alle Leidenschaften, Wahnbegriffe und Irrthümer vergessend, so die Allverbrüderung beginnen werde. Wie erstaunte ich nun, als ich später las, wie viel noch die bleiche Mißgunst und der gelbe Neid über Personen, die noch dazu Repräsentanten des Judenthums zu seyn vorgeben, vermögen, daß sie die heiligste Sache des Lebens und der Wahrheit so schnöde behandeln, einzig aus

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