Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 62 (1918)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Aus H. Graetzens Lehr- und Wanderjahren
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 255 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2829132-2829887-2829891-2894562--43315-2894697- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Aus H. Graetzens Lehr- und Wanderjahren. 255 gefunden, ekelte sie mich an. Es ist vielleicht ein Fingerzeig der Vorsehung, daß wir nicht dem Müßiggang verfallen sollen.« Was er den Eltern und anderen Leuten über sein Mißgeschick erzählt hat, wissen wir nicht. Es fehlen ein paar Blätter im Tagebuch. Soviel sehen wir, daß er nun daheim seine Studien fortsetzte. Im Elul (= September) berichtet er darüber Folgendes (S. 11): »Meine Beschäftigungen während dieses Semesters waren sehr geringe, weil ich den Frühling beinahe ganz mit den Vor- Bereitungen zur Reise vergeudete, den Sommer unter unangenehmen Träumen. Doch las ich Ciceronis de natura deorum, Terentii dramata und Virgilii Aeneidos (!), deutsch Wielands »Sympathien« und anderes, der »goldene Spiegel«, welche mich ungemein ergötzten, erheiterten und beseligten, etwas aus SchröcklTs1) Universal- Historie. ... In Latein machte ich soviel Fortschritte, daß ich unternahm, eine literarische Tragödie Virgilias zu schreiben. Hebräisch lernte ich ebenfalls emsig, wiederholte Samuel, Reges und die ersten drei Propheten beinah, aber französisch sehr wenig. Im Talmud konnte i ch auch nicht allzuviel fortschreiten, weil ich zu sehr aus dem Tone gekommen war. So endigte sich dieses Jahr mit dem Andenken an meinen vereitelten Plan und Verdruß über Kleinigkeiten. . .. Das neue Jahr (27. September 1836) fing sich nun, nicht viel Grauen verursachend, [an], wie es sonst zu seyn pflegte. Ich betete mit Inbrunst, dachte bei ובכן תן פחדך an die Allverbrüderung, und dieses ging mir so zu Herzen, daß es mir innige Seligkeit, Herzensruhe und Herzensfriede gewährte« (S 114). Ein paar Tage vor dem Versöhnungsfeste wagte er es, sich über einen Gebrauch hinwegzusetzen, den zwar sehr Spruchbefugte Halachisten, und unter ihnen kein Geringerer als R. Joseph Caro, der Verfasser des Schulchan aruch2), als einen »törichten ג) Über Johann Mathias Schröckh, vgl. Tzschirner, Über Schröckh’s Leben, Charakter und Schriften (Leipzig 1812) und ADB., XXXII, S. 498 ff״ 2) Die Literatur siehe in Tur Orach Cajjim cap. 605 und den dazu gehörigen Commentaren. Joseph Caro überschreibt im Schulchan aruch