Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 62 (1918)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Aus H. Graetzens Lehr- und Wanderjahren
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 244 (sequence 14)
- Language
- German
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244 Aus H. Graetzens LehrundWanderjahren. Briefstil und kaufmännisches Rechnen und erfüllte ihm aus reiner anhänglicher Dankbarkeit, wie er sagte, einen lange gehegten Herzenswunsch, indem er ihm eine silberne Taschenuhr schenkte. Aber wie wurde ihm die Freude vergällt. Schon nach kurzer Frist kam es an den Tag, daß der Jüngling seinen Lehrherrn bestahl und mit dem unrechtmäßig erworbenen Gelde sich und andern Gefälligkeiten erwies. »O Eitelkeit«, bekannte sofort der schwer enttäuschte Lehrer, »wie verschiedenartig und verderblich sind deine Gifte für das Menschengeschlecht, und welch eine Quelle der Trauer und Schande wird sie mir. (S. 47). Ach, Furien der Reue, der Scham, der Verzweiflungund die schrecklichste, die Ungewißheit, peitschten mich unaufhörlich und zerfleischten mein Inneres (S. 49)«. Selbstverständlich dachte niemand ernsthaft daran, dem arglos Beschenkten einen sittlichen Tadel anzuheften. Er selber aber notierte im eifrigen Streben nach makelloser Gesinnungsreinheit: »Doch hatte dieses Ereignis soviel Nutzen für mich, daß ich den Hochmut einigermaßen abwarf und mich selbst zu kennen, welches nach Thaies und Chilo die schwerste Kunst ist, anfing«. Und dann weiter: »Bei dieser Gelegenheit äußerte sich auch bei mir eine sehr gute Eigenschaft, daß ich gemeinnützig gern mein Wissen andern mitteile, wofür ich aber bis daher noch immer übel belohnt wurde« (S. 56). * Alle solche Zwischenfälle hinderten ihn in keiner Weise daran, sich mit stets gleich bleibendem Heißhunger auf alle erreichbaren Wissensgebiete zu stürzen. Als in jener Zeit sein Bücherfreund Kronthal gestorben war, siedelte er gern, um aus der Bücher» Sammlung Nutzen zu ziehen, in die verlassene Wohnung über. Über einen Monat schlief er dort und las dabei eine Menge Bücher. »Auch im Französischen«, erzählte er, »machte ich damals bedeutende Fortschritte. Ich las ä Paide d?un dictionnaire incomplet la vie et les actions de Napoleon que je ne comprenais pas tont« (S. 20). Gleichzeitig bot sich ihm eine günstige Gelegenheit, sich im mündliehen Gebrauch der französichen Sprache zu üben. Es hielt sich nämlich damals der frühere Direktor des benachbarten Züilichauer Gymnasiums, namens Marquart, in Wollstein auf, ein Mann von