Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 62 (1918)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Aus H. Graetzens Lehr- und Wanderjahren
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 243 (sequence 13)
- Language
- German
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Aus H. Graetzens Lehr- und Wanderjahren. 243 Grammatik bei Seite, und nach dem Versöhnungstage, 23. September 1833, begann Graetz mit der französischen Sprache, »welche mir einen rechten Begriff vom Fühlen des Sentimentalischen und vom Geschmack beibrachte. Ich würde sehr lange vielleicht zu tun gehabt haben, ehe ich den deutschen Genius gekannt hätte, und ich behaupte daher, daß man seine Muttersprache richtig sprechen, schreiben und fühlen nur durch eine fremde lebende Sprache lernt.« Wohnungssorgen drückten ihn nieder. Seine kleinliche, stets übelgelaunte Wirtin — beiläufig die Schwester seiner Mutter — machte ihm den Aufenthalt zur Qual. »Ich zog deswegen (S. 7) vor, den darauf folgenden Abend lieber im בית המדרש zu schlafen, so furchtsam ich auch vor Toten und Geistern und so abergläubig wir Juden auch sind, daß die Manen sich in solchen heiligen Orten einfinden3). Auf die harte Holzbank legte ich mein sorgenvolles Haupt, deckte mich mit einem Mantel zu und durchbrachte die Nacht unter Schluchzen und Einschlummern, Furchthaben und Auffahren. Denn die Phantasie vergaß auch nicht, das ihrige beizutragen, mir Schreckensbilder zu zeigen.« Schließlich erfuhr der Rabbiner von seiner Not und verschaffte ihm die Wohnungsmiete. Er blieb bei der Tante und studierte bis ein Uhr nachts das Französische. Einen Teil seiner freien Zeit nahm von da an (Kis!ew=November/Dezember 1833) der Unterricht in Anspruch, den er erteilte, um sich ein kärgliches Taschengeld »pour les chandelles, que j’avais besoin«, redlich zu verdienen. Freilich nahm dabei sein unbewachtes Herz an den Fortschritten der jungen Damen, die er unterwies, einen viel lebhafteren Anteil, als deren Studien es notwendig machten. Die Erscheinungen in diesem Bereich erpreßten ihm bald den Stoßseufzer: »Ach, wenn Lieben und Geliebtwerden Seligkeit ist, so ist Lieben und Nichtgeliebiwerden Höllenqual«. (S. 17.) Überhaupt bereiteten ihm die Privatstunden manche außergewöhnliche Unannehmlichkeit. Um dieselbe Zeit lernte bei ihm ein Ladenjüngling deutschen l) Vgl. z. B. Kidduschin 29 b. 16*