Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 62 (1918)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Aus H. Graetzens Lehr- und Wanderjahren
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 240 (sequence 10)
- Language
- German
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240 Aus H. Graetzens Lehr- und Wanderjahren. entschiedene Neigung für Wissen überhaupt und namentlich für Religion, Bibelkunde und die hebräische Sprache«. Die kleine Stadt, in der seine Wiege stand, warXions oder Kschons1). Sie lag im Osten der Provinz in der Nähe der Warte und gehörte zu den kleinsten Ortschaften jener Gegend. Die gesamte Einwohnerschaft belief sich in seinem Geburtsjahr auf 775 Seelen. In seinen ersten jugendjahren zogen seine Eltern, die sich kümmerlieh von einem unbedeutenden Fleischereibetrieb ernährten, nach Zerkow oder Scherkowo2), einem Örtchen, das noch einige Meilen weiter östlich lag und damals gar •nur 714, und zwar 111 jüdische neben lauter polnischen Einwohnern zählte. »Als das Städtchen zum zweiten Mal preußisch wurde«, berichtet Wuttke,. ein gründlicher;Kenner und Darsteller der Geschichte unserer Ostmark, »gab es außer dem Bürgermeister, der nicht deutsch sprach, nur noch einen Bürger, der lesen konnte. Langten Briefe vom nächsten Postort Wreschen an, so wurden sie zu ihm gebracht, und er las sie feierlich auf offener Straße vor. Eine polnische Schule wurde hernach eingerichtet, in der auch deutsches Lesen unterrichtet wurde. Außer der Fibel gab es damals kein deutsches Buch in der Stadt. Die polnische Schule hatte keinen Bestand. Eine bessere deutsche entstand, ja sogar eine Leihbibliothek«. Die Schule und die Leihbibliothek waren die ersten Bildungsstätten, in denen der junge Graetz seinen Wissensdurst befriedigen konnte. Schon im dreizehnten Lebensjahr begann er, sich literarisch zu betätigen. Das erste Problem, das ihn zur Darstellung reizte, war die Wahrnehmung, daß die Juden und die Christen die Ereignisse nach einer verschiedenen Zeiteinteilung ordneten. Am Mittwoch [27. Elul 5590 =] 15. September 1830, also etwa sechs Wochen vor seinem 13. Geburtstag, begann er in Zerkow in hebräischer Sprache ein kalendarisches Werkchen über »die jüdische und deutsche Zeitrechnung« unter dem Titel x) Xions ist die heute noch übliche offizielle Namensform. Kschonz schreibt Wuttke a. a. O. S. 350 f. 3) Wuttke a. a. O. S. 433 f.