Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 62 (1918)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Aus H. Graetzens Lehr- und Wanderjahren
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 239 (sequence 9)
- Language
- German
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Aus H. Graetzens Lehr- und Wanderjahren. 239 eignisse hat er stets den jüdischen Kalender, der damals noch voll und ganz den jüdischen Lebenskreis beherrschte, angewendet Einer fremden — der französischen oder lateinischen, mitunter auch der italienischen und sogar der griechischen — Sprache bediente er sich nur, wenn die Vorgänge, die er aufzeichnete, einem etwaigen gelegentlichen Entdecker oder heimlichen Nachleser des Tagebuchs nicht ohne weiteres verständlich sein sollten. Hin und wieder tat er es wohl auch bloß zu dem Zwecke, um sich im schriftlichen Gebrauch der Sprache, die er gerade erlernte, zu üben. Wenn aber sein tief religiöses Gefühl überströmte, geriet er ganz von selbst in sein geliebtes Hebräisch, das ihm wie eine zweite Mutterspräche in grammatischer Korrektheit geläufig war, ohne daß er auf stilistischen Aufputz größeren Wert legte. So tragen alle seine Aufzeichnungen den Charakter einer ungeschminlcten Rechenschaft vor sich selbst, einer peinlich gewissenhaften Beurteilung der eigenen Gesinnungen und Handiungen. In allen seinen Wanderjahren haben die!unscheinbaren Heftlein ihn als seine treuen und verschwiegenen Freunde begleitet. Die Niederschrift der Erlebnisse war ihm eine Befreiung der Seele, ein lebendiger Quell des Trostes in den Sorgen der Gegenwart und ein ständiger Antrieb zu tatkräftigem Weiterstreben auf seiner Lebensbahn. Aus dem überreichen Inhalt will ich nur einige mehr oder minder kärgliche Kostproben aus den Lehr־ und Wanderjahren geben. Von seinen Knabenjahren ist im Tagebuch nicht die Rede. Aber in seiner Lebensbeschreibung1), die er vor dem Antritt seines hiesigen Amtes am 16. Dezember 1853 in Berlin für die Aufsichtsbehörde des Seminars niederschrieb, berichtet er darüber sehr kurz Folgendes: »Im Jahre 1817 in einer kleinen Stadt des Großherzogtums Posen geboren, entwickelte sich in mir frühzeitig, ehe ich noch die Elementarschule verlassen hatte, eine x) Die Urschrift befindet sich bei den Akten des Kuratoriums der Fränckelschen Stiftungen, betr. den Seminarlehrer Dr. Graetz. Ich habe sie im vorigen Jahrgang der MS., S. 343 ff. veröffentlicht.