Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 62 (1918)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Moritz Güdemanns Anteil an der Wissenschaft des Judentums
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 170 (sequence 10)
- Language
- German
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170 M. Güdemanns Anteil an der Wissenschaft des Judentums. hinsichtlich ihres Anspruches an die Gesinnung und die Handlungsweise ihrer Bekenner verhält. Ich habe Güdemanns Stellung zum sogenannten »Gesetz« bereits gekennzeichnet und gezeigt» wie er den tendenziös entstellten Darstellungen des Lebens unter dem Joch des Gesetzes, wie christliche Theologen sich auszudrücken pflegen, entgegentritt. Aber auch das Verhältnis von Gesinnung und Handlung ist ein willkommenes Gebiet für diese Forscher, dem Judentume womöglich die fromme, sittliche Gesinnung abzusprechen und die Werkheiligkeit als sein Wesen hinzustellen. Was darin geleistet wird, weiß jeder, der nur einigermaßen mit der einschlägigen Literatur vertraut ist. Fast ausnahmslos sind sie bemüht, die Gestalt Jesu und dann das ganze Gebäude christlicher Ethik womöglich vom jüdischen Unter- und Hintergründe loszulösen und das Judentum als Folie zu benützen. »Vom Standpunkte der Kirche, also vom Standpunkte des christlichen Glaubens, gesehen, ist das Judentum nur ein welker Zweig der alttestamentlichen Religion, deren Saft und Lebenskraft durch eine neue Offenbarung in das Christentum hinübergeleitet ist«. Diesen Standpunkt hat die neuere wissenschaftliche, christliche Theologie zu dem ihrigen gemacht und ihn kritisch zu begründen unternommen, ja sie bemüht sich, den Abwelkungsprozeß schon in eine mehrere Jahrhunderte vor der Abschließung des alten Kanons liegende Zeit, in dieEsras, zurückzudatieren. Seit damals gleitet nach ihrer Ansicht diese Abart oder Entartung der Religion Israels auf einer abschüssigen Bahn durch die Stationen des Judaismus, Pharisäismus und Talmudjudentums immer tiefer abwärts. Ob Glaube oder Kritik, das Resultat ist dasselbe: »die Vollendung oder Erfüllung der Religion Israels ist das Christentum«. Gegen diesen mit zäher Hartnäckigkeit bewahrten Standpunkt nimmt Güdemann auf allen Linien den Kampf auf; er gebraucht nur wissenschaftliche Waffen und zieht das gesamte klassische und nachklassische hebräische Schrifttum heran; manchmal blitzen Sarkasmus und Ironie auf, manchmal merkt man dem geschärften Worte die Entrüstung an. Er hat die erste jüdische Apologetik ge-