Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 62 (1918)
- Issue
- Heft 2
- Article
- H. Graetz als Darsteller der Systeme der jüdischen Religionsphilosophen
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 148 (sequence 24)
- Language
- German
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148 H. Graetz als Darsteller der Systeme haben, weil ihnen zwar nicht, wie viele und welche Dogmen, wohl aber, daß es solche gibt, feststand. Ob freilich dieses Neue — die völlige Leugnung von Dogmen im Judentum — auch etwas unbedingt Richtiges sei, ist allerdings fraglich. Mendelssohn von seinem vorkantischen Standpunkte hält auch metaphysische Behauptungen und vollends die Glaubenslehren des Judentums, weil, als der Vernunft völlig angemessen, für völlig demonstrierbar, und so sind ihm die letzteren des dogmatischen Charakters entbehrend. Aber Kant hat ja erwiesen, daß in Wahrheit nichts Metaphysisches eigentlich demonstrierbar sei, und so hatten denn schließlich jene früheren jüdischen Reiigionsphilosophen vom philosophischen Standpunkte mit ihren Dogmenspekulationen doch recht1), und nur insoweit irrten sie, als sie etwa diese Dogmenspekulationen als im Judentum begründet betrachteten, während es— und da zeigt sich doch wieder das Bleibende in jener Mendelssohn’schen Behauptung — im Grunde gar keine Glaubensforderungen aufstellt. Als unstreitig neu und bleibend wahr muß anerkannt werden, wie auch Graetz hervorhebt, der von Mendelssohn in Jerusalem geführte und auch in der Neuzeit siegreich sich immer mehr Bahn brechende Nachweis des Rechtes der Gewissensfreiheit und der totalen Verkehrtheit jedes Gewissenszwanges durch Bann und bürgerliche Zurücksetzung gegen diejenigen, deren Glaube von dem der herrschenden Mehrheit abweicht. Den größten Gegensatz gegen Mendelssohn und eigentlich gegen alle Vorgänger — mit Ausnahme etwa von jehuda Halevi —, die die Vernunft als höchste Instanz für die Religion werteten, bildet S. L. Steinheini (1790—1866), der, auf Kant fußend, nicht die Vernunft, die, in lauter Antinomieeil verwickelt, schließlich notwendig zum Heidentum zurückführt, sondern die Offenbarung, die den Charakter des Wirklichen und darum gerade Paradoxen an sich trägt, zum alleinigen Maßstab für die echte Religion erhebt. Zu solchen Paradoxieen gehört schon die a) Vgl. meine Gottesidee der Offenbarung S. 6.