Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 62 (1918)
- Issue
- Heft 2
- Article
- H. Graetz als Darsteller der Systeme der jüdischen Religionsphilosophen
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 147 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2829132-2829887-2829890-2894461--43194-2894538- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
der jüdischen Religionsphilosophen. 147 des angestammten Väterglaubens und das Bestreben, diesen gegenüber dem Christentum in den Schatten zu stellen. Den Sinn für Geschichte vermißt Graetz auch bei dem Antipoden Spinozas, bei Moses Mendelssohn, wogegen er dessen im »Jerusalem« entwickelte Staatstheorie, wonach dem Staate über Gesinnungen und Meinungen keine Befugnis zustehe, mit Recht bündiger durchgeführt findet, als wie dies bei Spinoza der Fall war. Der Schwerpunkt in der Graetz’schen Behandlung Mendelssohns liegt begreiflicherweise in dem Nachweise der epochalen Bedeutung, die diesem jüdischen Weltweisen für die Anbahnung einer Neuzeit im Judentum, für das es bis dahin nur finsterstes Mittelalter gab, eignet. Was dagegen Mendelssohns Philosophie anlangt, so ist sich Graetz deren nur relativen und vorübergehenden Wertes vollauf bewußt. Er setzt indessen trefflich auseinander, wie Mendelssohn vor allem in seinem durch Schönheit der Form und Klarheit und Wärme des Inhalts ausgezeichneten »Phädon« seiner Zeit einen großen und allgemein mit begeistertem Dank aufgenommenen Dienst geleistet hat. Nicht recht einleuchten wollte es mir nur, wenn Graetz die zweifellos für immer geltende Verurteilung des Selbstmords im Phädon aus dem Gesichtspunkt des Glaubens an Gott, dessen Eigentum das Leben sei und darum nicht eigenmächtig vom Menschen vernichtet werden dürfe, mit der Bemerkung, es sei eine »hinfällige Beweisführung«, die dem damaligen »schwächlichen, weibischen Geschlechte in Deutschland« vollkommen genügt habe, abtut (Graetz XI, S. 20). Es gibt tatsächlich keine bessere Widerlegung der Argumente für den Selbstmord als den vom Standpunkte des geläuterten Gottglaubens (vgl. mein Prinzip d. Ethik SS. 92 f., 105 f., 156). — Sehr gut stellt Graetz auch den Inhalt und speziell das ganz Neue, wenn auch nicht durchweg Unanfechtbare in dem andern philosophischen Hauptwerke Mendelssohns, im »Jerusalem«, dar. Einmal: es gebe in Wahrheit gar keine Glaubensartikel (Dogmen) im Judentum, das nur Wissen, Erkennen und Tun fordere. Wir erinnern uns, wie eifrig die früheren jüdischen Philosophen gerade das Dogmenproblem diskutiert und bearbeitet 10"