Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 62 (1918)
- Issue
- Heft 2
- Article
- H. Graetz als Darsteller der Systeme der jüdischen Religionsphilosophen
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 146 (sequence 22)
- Language
- German
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146 H. öraetz als Darsteller der Systeme verstehen, lediglich als auf Palästina zur Zeit des zweiten Tempels bezogen auf faßt! Was die Darstellung des Spinozistischen Systems betrifft, so vergegenwärtige man sich nur einerseits die erstaunliche Geschlossenheit, aber zugleich unsägliche Trockenheit in dem Aufbau der Gedanken des großen Philosophen, und andererseits die Aufgabe, das Hauptsächliche in diesen Gedanken einem im Durchschnitt philosophisch minder geschulten Publikum, das über eine aus dem Judentum hervorgegangene, auf die Geistesgeschichte der Menschheit ganz außerordentlich einwirkende Erscheinung in einer gegen die sonstige geschmackvolle Schilderungsart nicht abstechenden Weise unterrichtet werden soll, vor Augen zu stellen — und man wird Graetzens Meistergriffel gerade hier besonders bewundern müssen. Kein Geringerer als der berühmte Dichter und Spinozakenner Berthold Auerbach hat denn auch, wie mir einmal der verewigte Lehrer selbst mit hoher Befriedigung mitteilte, seiner Reproduktion des Spinozistischen Gedankenganges Beifall gezollt. Es war auch wirklich nichts Leichtes, auf begrenztem Raume über die gewaltigen Probleme, wie sie Spinoza namentlich in den beiden Hauptwerken: Ethik und Theol. politisch. Traktat behandelt, das Wichtigste klar und fesselnd auszusprechen. Und nicht nur klar und fesselnd, sondern trotz allem, was er zu bemängeln hat, mit Wärme und Verehrung für das Ingenium, und insbesondere für den Charakter Spinozas läßt Graetz die monumentale Denkergestalt vor uns emporwachsen. Seine Kritik aber übt er passend, da er ja keine Geschichte der Philosophie, sondern eine Geschichte der Juden schreibt, vornehmlich in Bezug auf den bei Spinoza sehr empfindlich wahrzunehmenden Mangel an Kenntnis der jüdischen Geschichte und überhaupt an geschichtlicher Betrachtung. Es fehle ihm der Blick für geschichtliche Vorgänge, darum auch für die Idee des Fortschritts der Menschheit, wie sie gerade das Judentum in seinen messianischen Prophetien so ergreifend verkündet. Daher nicht nur der deprimierende Eindruck der Unfruchtbarkeit und Hoffnungslosigkeit der Ethik Spinozas, sondern auch dessen so flagrante Verkennung