Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 62 (1918)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Neuorientierung unserer Wissenschaft
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 95 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2829132-2829887-2829890-2894458--43139-2894486- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Neuorientierung unserer Wissenschaft. 95 Feind hat als den Dilettantismus. Wir Juden, die von den Leiden der Welt in der Regel den größten Anteil auf uns zu nehmen haben, haben auch unter dieser Plage am schwersten gelitten. Bereits vor sechzig Jahren schrieb Steinschneider1): »Der Mangel aller Schule, der allverbreitete unkontrollierte Dilettantismus, weicher wöhl der Kultur der Juden zur Ehre, ihrer Wissenschaft nur zu Schaden gereichen kann, nebst anderen Zeitrichtungen und Zuständen, haben den Troß unberufener Schreiber auf Unkosten der Gelehrten und des eigentlich lernenden Publikums rekrutiert; jeder Versuch zur Hebung der Studien und Förderung gründlicher Arbeiten mußte bisher scheitern.« Ganz unberechtigt ist diese Klage auch heute noch nicht. Alle Bestrebungen zur Popularisierung, zur Verbreitung der Ergebnisse der Wissenschaft sind freudig zu begrüßen, können nicht warm genug empfohlen urld gefördert werden. Wissen ist Macht, eine der stärksten Stützen des Judentums. Aber diese Bestrebungen sind von der Wissenschaft zu trennen, sie sind eine der Anwendungen der Wissenschaft, aber mit nichten die Wissenschaft selbst — so wenig wie eine Bogenlampe mit der Elektrizität gleichbedeutend ist Gelegentliche Liebhaber sind der Wissenschaft willkommen, können sie aber nicht retten; wer die-Wissenschaft zu fördern wünscht, muß soviel Selbstzucht üben, um sie nicht ihrer Aufgabe zu entfremden. Die Wissenschaft kann nur in streng begrifflicher Schulung von Fachmännern ausgebaut werden. Das ist nicht Gelehrtendünkel, sondern das notwendige Ergebnis der Vervollkommnung und Ausbreitung der heutigen Forschungsweise. Die wissenschaftlichen Probleme wollen sorgfältig durchdacht und gründlich verarbeitet sein, zur allgemeinen wissenschaftlichen Ausbildung muß sich der Überblick über die Spezialwissenschaft gesellen, wenn ein Einzelgebiet erfolgreich bearbeitet werden soll. Das kann nur, wer sein Denken und seine Arbeitskraft konzentriert. Die Wissenschaft will von kundiger Hand und mit Liebe be- *■) Art Jüdische Literatur a. E. in Ersch u. Grubers Allg. Eticyklopädie II 27, S. 471.