Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 62 (1918)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Neuorientierung unserer Wissenschaft
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 94 (sequence 14)
- Language
- German
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94 Neuorientierung unserer Wissenschaft. am Entdecken muß nach hundert Jahren einem ernsthafteren Verfahren Platz machen, wie es im Mitteialter vielfach bereits unter uns verbreitet war. Wir müssen die Gesetze wissenschaftlicher Interpretation zur Anwendung bringen, peinliche, sorgfältige Genauigkeit in der Feststellung der Einzelheiten, müssen den Autoren nicht nur in den Bücherschrank, sondern in das Hirn und in die Seele blicken, ihren Sprachgebrauch feststellen, nachempfinden, was sie gedacht und beabsichtigt, nachprüfen, in welcher Gestalt sie ihre Gedanken zum Ausdruck gebracht, um dann von der einzelnen Stelle zu der gesamten Schriftstellerei eines Verfassers fortzuschreiten, von den Einzelwerken zur Gattung gleicher oder verwandter Schriften vorzugehen. Für solche Aufgaben ist ein fester Stamm geschulter Arbeitskräfte erforderlich, der uns bisher fehlte. Zunz hat bei der Begründung der Wissenschaft des Judentums der Gedanke vorgeschwebt, daß sie zum unlöslichen Bildungsstand der Juden sich gestalten, in ihrem Geistes- und Seelenleben einen Platz einnehmen würde wie einstmals das Talmudstudium. Diese Erwartung hat sich nicht verwirklicht. Die Wissenschaft des Judentums ist Fachwissenschaft, ihre Pflege auf die Fachkreise beschränkt gebheben. Wo ein Nichtfachmarin sich zur jüdischen Literatur getrieben fühlt, leiten ihn religiöse oder neuerdings nationale Gesichtspunkte, in den seltensten Fällen der Hang zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Judentum. In früheren Zeiten durfte man mit den Rabbinern als den gegebenen Trägem der Wissenschaft rechnen, heute haben die Verhältnisse eine grundsätzliche Änderung herbeigeführt. Die Entwicklung des modernen Lebens hat dem Rabbiner zahlreiche neue Aufgaben zugewiesen, die seine Zeit und Kraft vollauf in Anspruch nehmen und ihn der beschaulichen Pflege der Wissenschaft entziehen. Ein Rabbiner hat hinreichend damit zu tun, wenn er die Wissenschaft verfolgen, mit der Forschung mitgehen will, es sind nur wenige Auserwählie, die es daneben zu fruchtbarer selbständiger Arbeit bringen. Mit dilettantischer Beschäftigung aber ist der Wissenschaft wenig geholfen. Weil es in jeder Wissenschaft so viele Handwerker gibt, vergißt man gar zu leicht, daß sie eine Kunst ist und, wie jede Kunst, keinen ärgeren