Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 62 (1918)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Neuorientierung unserer Wissenschaft
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 93 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Neuorientierung unserer Wissenschaft. 93 schenken. Es fehlt uns an Texten. Für zahlreiche Gebiete der Literatur besitzen wir keine zusammenhängenden Texte. Steinschneider macht gelegentlich über Zunzens Literaturgeschichte der synagogalen Poesie die spöttische Bemerkung, er habe die Geschichte einer Literatur -geschrieben, die garnicht existiert1) — gemeint ist, nur in Handschriften existiert und dem Benutzer des Buches nicht zugänglich ist. Dieser Vorwurf gilt für einen großen Teil unseres Schrifttums noch immer zu Recht, es ruht bis heute unveröffentlicht in Handschriften oder zerstreut in unzugänglichen Sammlungen. Aber auch, wo uns Texte zu Gebote stehen, liegen sie nicht in wissenschaftlich brauchbaren Aufgaben vor. Um die Bibel hat sich ein getaufter Jude bemüht. Aber schon, wenn wir zu den Übersetzungen und Auslegungen der Bibel kommen, von der späteren Literatur ganz zu schweigen, besitzen wir, von verschwindenden Ausnahmen abgesehen, keine philologisch zuverlässigen Texte und veröffentlichen solche weder planmäßig noch in wissenschaftlich ausreichenden Ausgaben. Das aber ist die Grundlage aller historisch orientierten Forschung, daß wir die Zeugen der Vergangenheit, die Literaturdenkmäler der Vorzeit in exakter Wiedergabe vor uns haben. Wirklichkeit kann man nur durch zuverlässige Zeugen erfahren. Einen guten Text herzustellen, erfordert nicht nur Sprach- und Sachkunde, sondern auch Vertrautheit mit der Editionstechnik — einer bei uns leider seltenen Kunst. Hier eröffnet sich ein weites Feld für planmäßige Arbeit, wir müssen endlich an die Aufgabe herantreten, das Fundament für den zielbewußten Aufbau einer tragfähigen Wissenschaft zu legen und fest zu verankern. Freilich genügt es nicht, Texte zu besitzen, man muß sie auch auszulegen verstehen. Unsere Interpretationskunst steht keineswegs auf der Höhe, sie steckt noch zu sehr in den Elementen. Wie in den Frühzeiten unserer Wissenschaft geht man noch immer zunächst auf die Entdeckung von Kuriositäten aus, man meint, einen Autor erklärt zu haben, wenn man seine Zitate und die Anführungen aus ihm gesammelt hat. Aber diese naive Freude ]) Steinschneider, M., Katalog der hebr. Handschr. zu Hamburg, S. Xlil.