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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1918-01-01 · Heft 2 · p. Seite 92

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
62 (1918)
Issue
Heft 2
Article
Neuorientierung unserer Wissenschaft
Date
1918-01-01
Page
Seite 92 (sequence 12)
Language
German
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92 Neuorientierung unserer Wissenschaft. schaff kann nicht gesammelt, sondern nur geistig erarbeitet werden. »Sobald man aufhört, Wissenschaft zu suchen, oder sich einbildet, sie brauche nicht aus der Tiefe des Geistes heraus geschaffen, sondern könne durch Sammeln extensiv aneinandergereiht werden, ist alles unwiderbringlich und auf ewig verloren.« So schreibt Wilhelm v. Humboldt in seiner Denkschrift zur Begründung der Berliner Universität1), die für die Ausbildung der neuen wissenschaftlichen Arbeitsweise und den Aufschwung der Wissenschaften im vergangenen Jahrhundert ausschlaggebende Bedeutung gewonnen hat. Dieser Grundforderung gilt es, in unserer Wissenschaft zur Durchführung zu verhelfen, die Fülle des Stoffes mit dem Begriff zu durchdringen und dadurch dem Verständnis zuzuführen. Ein wissenschaftlich geschulter Kopf bringt oft mehr Klarheit in eine Materie als jahrhundertelange Grübelei, ein lichtvoller Gedanke mehr Nutzen als ein dickes Buch voll Namen und Zahlen. Unsere Wissenschaft hat mehrfach durch Außenstehende eine solche Förderung erfahren, freilich auch schiefe Urteile mit übernommen, die sie in die Irre leiteten. Aus ihrer eigenen Mitte, aus der Kenntnis aller Zusammenhänge heraus müssen ihr die Männer erwachsen, die sie durch geistige Anregung befruchten. Das Streben nach begrifflicher Durchdringung würde die großen Gesichtspunkte uns wieder zurückbringen. Wir würden uns nicht in den Seitenwegen verlieren, sondern in die Hauptstraße zurückkehren und die umfassenden Aufgaben in Angriff nehmen, welche von den Bahnbrechern unserer Wissenschaft einst geplant waren, die jedoch durch die überwuchernde Kleinarbeit in den Hintergrund gedrängt worden sind. Begriffliche Arbeit würde auch das Verständnis des lebendigen Judentums, seines Aufbaus und Bestandes, erhöhen, würde den Zwiespalt und die Bestrebungen der verschiedenen Richtungen auf ein höheres Niveau erheben, dem Parteizank seinen Stachel nehmen und die Möglichkeit eines gesunden Fortschritts anbahnen. Vom Streben nach wissenschaftlicher Klarheit beseelt, würden wir den Quellen der Vergangenheit andere Beachtung als bisher x) Gesammelte Schriften X, 253.

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