Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 62 (1918)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Neuorientierung unserer Wissenschaft
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 91 (sequence 11)
- Language
- German
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Neuorientierung unserer Wissenschaft. 91 Sollte aber selbst eine strengere Sperre eintreten, so würde einem unerheblichen Verlust reichster Gewinn gegenüberstehen durch die unausbleibliche Verbesserung der Methode, durch Vervollkommnung und Erhöhung der Arbeitsleistung. Die Wissenschaft würde einen Mittelpunkt erhalten, um den sich die gesäurte Forschertätigkeit gruppierte, von dem aus sie systematisch in dem ganzen Gebiete betrieben würde. Das ist der wundeste Punkt unserer Wissenschaft, an dem Abhülfe am dringendsten erforderlich ist. Es fehlt nicht allein daran, daß der systematische, der spekulative Teil unserer Wissenschaft zugunsten des geschichtlichen stark vernachlässigt worden ist, — worin ja neuerdings ein Fortschritt nicht zu verkennen ist, — sondern auch daran, daß die bisher betriebene Forschung nirgends systematisch durchgeführt vyoröen ist. Es fehlt der leitende Gedanke, der in die Vielheit der Untersuchungen Ordnung bringt, der Brennpunkt, in dem sich die zahlreichen Strahlen vereinigen. Der Fortschritt unserer Wissenschaft hat sich bisher in der extensiven Ausdehnung geltend gemacht, sie kann darin auf ansehnliche Leistungen verweisen. Dennoch ist eine weit verbreitete Unbehaglichkeit unverkennbar, weil dasjenige Element fehlt, welches erst die Wissenschaft begründet, die begriffliche Durchdringung des Erforschten. Wir wollen kein Verdienst herabsetzen, wollen in aufrichtiger Dankbarkeit anerkennen, was bisher geschaffen worden ist. Es sind Bausteine zusammengetragen worden in ansehnlicher Zahl, von achtunggebietendem Ausmaß. Wir wollen das auch in Zukunft nicht missen und werden es nicht missen können. Aber es kann nicht Lebensaufgabe sein, immer nur Bausteine anzufahren und aufzuhäufen; schließlich versperrt man sich einmal den Zugang zum Bauplatz. Stoffsammlungen sind überaus wertvoll und unentbehrlich, nur durch sie kann die Wirklichkeit erkannt werden, aber die Aufgabe der Wissenschaft ist es, den Stoff zu verarbeiten, aus ihm abstrakte Begriffe und Formeln, allgemein gültige Gesetze zu bilden. Bleibt die Forschung beim Einzelnen stehen, so verliert sie sich in Kleinlichkeiten und Nichtigkeiten. Ziel der Wissenschaft ist Erkenntnis des Einzelnen in seinem Wesen, und das wird nur durch Erfassung im Begriff zugänglich. Wissen-