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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1918-01-01 · Heft 2 · p. Seite 88

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
62 (1918)
Issue
Heft 2
Article
Neuorientierung unserer Wissenschaft
Date
1918-01-01
Page
Seite 88 (sequence 8)
Language
German
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88 Neuorientierung unserer Wissenschaft. Forschung, wenn wir in die Diaspora eintreien, das »Volk in partibus« durch alle Länder zu begleiten, in der Mannigfaltigkeit der Wechselbeziehungen zu beobachten, im Zustande der Aktivität und Passivität zu erforschen haben. Die exakte wissenschaftliche Feststellung jedes Tatbestandes erfordert gründliche, gewissenhafte Arbeit, die sich erweitert, wenn nun der Platz des jüdischen Anteils darin besonders festgestellt werden muß. Der Rahmen einer einheitlichen philologischen Wissenschaft, wie er Zunz vorgeschwebt hatte, wurde daher zu eng und durch die selbständig gewordenen Disziplinen gesprengt. Die jüdische Philologie mußte das Schicksal aller Philologie teilen, ihre Einzelfächer lösten sich los und wurden Zweige der Geschichtswissenschaft, die im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts immer weitere Gebiete des gesamten geistigen Lebens der Völker in ihr Forschungsbereich zog. Sodann aber erwies die wissenschaftliche Praxis, daß die eigene Literatur als Mittelpunkt häufig zurücktrat hinter dem, was aus fremden Quellen sich ergab, sie zeigte die Verknüpfung jüdischer Tatbestände und Zustände mit nichtjüdischen, die Zugehörigkeit der jüdischen Welt als Teil der Wirklichkeit zur allgemeinen Wissenschaft. Als Zunz 1848 dem preußischen Unterrichtsminister ein Gesuch überreichte, an der Berliner Universität eine Professur für jüdische Geschichte und Literatur zu errichten, sprach sich die philosophische Fakultät in ihrem Gutachten gegen diesen Antrag aus, und ihre Begründung verdient stellenweise noch heute Beachtung. »Es wird nicht zweckmäßig sein«, so heißt es dort, »daß die jüdische Geschichte aus dem wissenschaftlichen Verbände mit der allgemeinen herausgerissen werde. Solange in der Weltgeschichte die Juden einen Staat bilden, gehört ihre Geschichte in die Geschichte des Altertums. Da die Juden aufhören, einen Staat zu bilden, geht ihre Geschichte in die allgemeine Kulturgeschichte über«1). Was hier von der Geschichte gesagt ist und späterhin von der Sprachwissenschaft angedeutet wird, könnte mit gleichem Rechte auf die verschiedensten Gebiete der jüdischen Literatur und Religions- 1) Vgl. Monatsschrift LX, 1916, S. 338 u. LI, 1907, S. 656.

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