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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1918-01-01 · Heft 2 · p. Seite 87

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
62 (1918)
Issue
Heft 2
Article
Neuorientierung unserer Wissenschaft
Date
1918-01-01
Page
Seite 87 (sequence 7)
Language
German
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Neuorientierung unserer Wissenschaft. 87' erstehung hub ein neuer Tag an; wo bis dahin Gespenster der Unwissenheit und des Vorurteils ihre Schrecken verbreitet hatten, traten lebendige Gestalten auf und kündeten von einer ruhmvollen, lebensreichen Vergangenheit. Jeder dieser Zeugen führte in seinem Gefolge ganze Scharen von Zeitgenossen und wies auf eine Reihe von Vorgängern hin; Bibliotheken und Archive öffneten ihre Schatzkammern, verstreuten ihre durch die Jahrhunderte aufgehäufteai Reichtümer. Rasch und unübersehbar mehrten sich die Kenntnisse, Zunz selbst hat an dem einen Zweige der synagogalen Poesie ziffernmäßig festgestelit, wie ihm der Stoff lawinenartig unter den Händen wuchs, sodaß er allein fast zwei Jahrzehnte seine unermüdliche Arbeitskraft fesselte1). Und seitdem haben sich unterirdische Schachte geöffnet, die nicht nur weite Lücken unserer Kenntnisse ausfüllen, sondern auch das Forschungsgebiet wesentlich erweitern2). Zu den Schwierigkeiten, welche die Quantität des Stoffes bietet, gesellen sich die der Qualität. Kein Gebiet menschlichen Seins, am allerwenigsten geistiges Leben, steht irgendwo in der Welt isoliert da. Jedes Volk, auch das begabteste, empfängt Einflüsse von außen, seine Entwicklung läßt sich nicht erkennen, ohne daß die Fäden verfolgt werden, die es nach allen Seiten verknüpfen. Die Juden leben seit mehr als 2000 Jahren in der Zerstreuung, in engster Berührung mit den verschiedensten Völkern der Erde und haben in ihren Schicksalen, in ihrer Denk- und Ausdrucksweise, in ihrer gesamten Kultur unter der Einwirkung ihrer Umwelt gestanden. Vergegenwärtigen wir uns, welch außerordentlichen Umfang die Wissenschaft vom alten Orient infolge der Ausgrabungen angenommen hat, wie schwierig sich heute jede Forschung gestaltet, die mit der Bibel, ihrer Zeit, ihrer Sprache, ihrer Religion und ihrem Recht zusammenhängt. Wenn das schon für das biblische Altertum zutrifft, für die Zeit, in der das Volk Israel in seinem Lande ein kulturelles Eigenleben in naturgemäßer Entwicklung führte, wie kompliziert sich dann die 3) Literaturgesch. der syn. Poesie, Vorwort, S, V. 2) Vgl. S. Schechter, A Moard of Hebrew Manuscripts, in Studies in Judaism II, S. 1—30.

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