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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1918-01-01 · Heft 2 · p. Seite 86

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
62 (1918)
Issue
Heft 2
Article
Neuorientierung unserer Wissenschaft
Date
1918-01-01
Page
Seite 86 (sequence 6)
Language
German
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86 Neuorientierung unserer Wissenschaft. gestaltet — wie Schicksal, Klima, Sitten, Religion und Zufall freundschaftlich oder feindlich ineinandergreifen, und wie endlich die Gegenwart, als aller dagewesenen Erscheinungen notwendiges Resultat dasteht«1). Und die neuhebräische Literatur erschien Zunz 1818 als abgeschlossen, zu Grabe getragen, also auch darin der klassischen vergleichbar, so daß die jüdische Vergangenheit nach dem Muster der Altertumswissenschaft behandelt werden konnte. Diesem Programm entspricht die Aufzählung der Disziplinen, in die Zunz die »rabbinische Literatur« einteilt, ihr entspricht auch, obwohl er inzwischen dem lebendigen Judentum volle Berücksichtigung entgegenbrachte, seine Arbeitsweise. Die enzyklopädische Heranziehung fast der gesamten bekannten jüdischen Literatur in die Behandlung der »Gottesdienstlichen Vorträge«, die Aneinanderreihung unzusammenhängender Ausschnitte der Wissenschaft in dem Buche »Zur Geschichte und Literatur«, die Ableitung und Konstruktion der Geschichte aus der »Synagogalen Poesie« in dem berühmten Kapitel »Leiden«, all das zeigt uns den Meister am Ausbau einer Wissenschaft, deren Ziel man fast mit Fr. A. Wolfs Worten bezeichnen könnte als »Kenntnis der altertümlichen Menschheit, welche aus der durch das Studium der alten Überreste bedingten Beobachtung einer organisch entwickelten bedeutungsvollen Nationalbildung hervorgeht« 2). Wohin aber mußte es führen, wenn alle von Zunz aufgezählten Einzelfächer der jüdischen Literatur der Bearbeitung unterzogen wurden? Mußte da nicht ein Bau entstehen, in dem Übersicht und Zusammenhang vollständig verloren gingen? Konnte eine solche Wissenschaft noch immer unter dem Gesichtspunkt der »philologischen Rekonstruktion« gefaßt werden? Die jüdische Literatur war damals schlechthin Neuland. Von den wenigen Werken abgesehen, die der religiöse Eifer oder der Zufall gerettet hatten, war sie durchaus unbekannt, der Vergessenheit anheimgefallen, sie mußte aus ihren Überresten erst wieder neu belebt werden. Die Toten wurden erweckt, und mit ihrer Auf- *) Zur rabb. Liter. S. 7 Ges. Schriften S. 6 f. 2) Museum des Altertums I, 124 f.

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