Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 62 (1918)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Neuorientierung unserer Wissenschaft
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 85 (sequence 5)
- Language
- German
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Neuorientierung unserer Wissenschaft. 85 liehe Entdeckung oder Hypothese entwurzelt werden könnte. Wir dürfen zum Judentum, das in dreitausendjähriger Geschichte allen wechselnden geistigen Strömungen gegenüber sich zu erhalten die Kraft hatte, das Vertrauen hegen, daß es auch in Zukunft den rechten Weg finden wird, seinen Bestand zu sichern. Wenn die Wissenschaft Irrtümern unterworfen ist, wer anders als die Wissenschaft vermag sie aufzuzeigen, und wo sonst ist eine Instanz, die sie beseitigen will? Die Unzulänglichkeit der menschlichen Erkenntnis rührt nicht von heute und gestern her, sie ist den klassischen Denkern unseres Mittelalters niemals ein Hindernis in ihrer Forschertätigkeit gewesen und darf auch uns nicht vom Wege der Wissenschaft abführen, denn nur auf dieser Bahn vermögen wir zur Erkenntnis des Judentums vorzudringen. , Halten wir das als Ziel fest, so lautet eine weitere Forderung, daß unsere Wissenschaft Wissenschaft des Judentums bleibe. Was freilich darunter zu verstehen ist, darüber herrscht wenig Klarheit und Einigkeit. Es ist eine der Schwächen unserer Wissenschaft, daß ihr niemals eine unbestrittene, deutlich umgrenzte Definition gegeben wurde, daß eine solche wahrscheinlich auch niemals vorhanden gewesen oder zu eng gehalten worden ist In Abraham Geigers »Nachgelassenen Schriften«*) lesen wir an der Spitze seiner Vorlesungen zur Einleitung in die Wissenschaft des Judentums, daß »eine strenge Definition der Wissenschaft des Judentums aufzustelien nicht nötig sei«. Zunz hat sich über diesen Punkt nie präzise geäußert. Da er aber aus Wolfs und Boeckhs philologischer Schule kam, läßt sich wohl vermuten, daß ihm die Wissenschaft des Judentums als eine Art hebräischer Philologie vorschwebte, d. h. als eine geistige Reproduktion der jüdischen Vergangenheit unter Zugrundelegung der hebräischen oder jüdischen Literatur. So bezeichnet denn auch Zunz in seiner Erstlingsschrift als den wahrhaft berufenen Forscher denjenigen, der »die Literatur einer Nation als den Eingang betrachtet zur Gesamtkenntnis ihres Kulturganges durch alle Zeiten hindurch — wie in jedem Moment ihr Wesen aus dem Gegebenen und dem Hinzukommenden, d. i. aus dem Innern und dem Äußern sich x) H, 39-