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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1918-01-01 · Heft 2 · p. Seite 84

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
62 (1918)
Issue
Heft 2
Article
Neuorientierung unserer Wissenschaft
Date
1918-01-01
Page
Seite 84 (sequence 4)
Language
German
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84 Neuorientierung unserer Wissenschaft. hinter Kerkermauern geschmachtet hat und nun unversehens auf einen hohen Berg versetzt wird, von dem sich ihm ein Ausblick auf die Weite und die Herrlichkeit der Welt eröffnet. Darum beginnen wir mit Zunz eine neue Epoche in der Geschichte der jüdischen Studien, weil er der Erforschung des Judentums einen neuen Weg eröffnet hat, den der kritischen Wissenschaft. Von diesem Wege dürfen wir uns nicht abbringen lassen durch reaktionäre Strömungen, die in unsern Reihen hervortreten und in Anbetracht mancher Schäden der Neuzeit die Wissenschaft und ihre Errungenschaften mit Geringschätzung betrachten, hingegen ausschließlich in der Unbeirrbarkeit und dem Wissensreichtum der alten Gelehrsamkeit das Heil erblicken. Diese Richtung, die durch zunehmende Gleichgiltigkeit oder religiöses Vorurteil der wissenschaftlich gerichteten Kreise leider zusehends erstarkt, gilt es mit aller Entschiedenheit abzuwehren, die Wissenschaft muß Wissenschaft bleiben, sie kann nur in Verbindung mit der allgemeinen Wissenschaft gedeihen. Den Wert positiver Kenntnisse wird niemand bestreiten; wem das Alphabet fremd ist, der kann auch keine Wissenschaft betreiben. Die Besonderheit unserer Wissenschaft bildet nur der Stoff, nicht die Methode oder Denkweise der Gelehrten. Wissenschaft des Judentums kann nur der mit Erfolg betreiben, der von der Grundrichtung und der Methode der allgemeinen Wissenschaft durchdrungen ist. Wenn die moderne Bildung weiter keinen Zweck haben sollte, als daß wir mit einigen Fremdwörtern und Zitaten aus den Klassikern uns schmücken, dann wäre die für sie aufgewendete, dem Studium der jüdischen Quellen entzogene Zeit eine verbrecherische Verschwendung. Das Ziel der allgemeinen Bildung muß vielmehr sein, daß es auf das Denken des Menschen, auf die Methode der Forschung einwirkt, den inneren Menschen ergreift und umwandelt. Ohne Folgen für die religiöse Anschauung wird das gewiß nicht bleiben, aber die Humanisierung der Religion gehört nicht zu den letzten Aufgaben der Wissenschaft. Wie sich die einzelne Religionsgemeinschaft dazu stellt, ist kein Problem der Wissenschaft, sondern eine Frage ihrer Lebenskraft. Sie ruht auf viel zu festem Grunde, als daß sie durch eine neue Wissenschaft-

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