Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 61 (1917)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Graetzens Schema zu einer enzyklopädischen Bearbeitung des Talmud
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 414 (sequence 3)
- Language
- German
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414 Graetzens Schema zu einer enzyklopädischen Bearbeitung des Talmud. Kollegen finden dürften, von denen jeder einen kleineren Traktat in der von uns vorgeschriebenen Weise durcharbeiten werde. — Darauf meinte Graetz: er zweifle aus verschiedenen Gründen, daß dem Unternehmen der erwünschte Erfolg beschieden sei; wir besitzen gegenwärtig keinen Gelehrtenstand, früher bildeten ihn die Rabbinen, jede Gemeinde setzte ihren Stolz darein, den gelehrtesten Tairnudisten an ihrer Spitze zu sehen, er hatte nur in den schwierigsten religionsgesetzlichen und juristischen Fragen zu entscheiden, im übrigen mußte er einen Kreis von gelehrten Schülern heranziehen und nach der wissenschaftlichen Methode jener Zeit weiter studieren; heutzutage setze jede Gemeinde voraus, daß sie schon durch ihre Wahl den gelehrtesten Rabbiner bestimmt habe und fordere von ihm hauptsächlich die praktische Seelsorge, welche ja ebenfalls einen ganzen Mann verlangt und zu wissenschaftlichen Forschungen keine Muße gewährt, es seien nur die allerwenigsten, welche beides zu vereinigen verständen; ein wissenschaftlicher Talmudist, der nichts weiter als Wissenschaftler ist, nagt in unseren Tagen am Hungertuch und verkümmert, kein Wunder, daß die Kenntnis des Talmud in erschreckender Weise unter unseren Theologen abnimmt. — Darauf ich: im Osten jedoch fehle es selbst an solchen Männern nicht; ich sei übrigens überzeugt, daß wir pur die geeigneten Gesichtspunkte aufzustellen und ein Schema vorzulegen brauchen, um auch unter den deutschen Rabbinern viele zu finden, die sich mit der Bearbeitung eines Traktates beteiligen werden; wir wollen damit beginnen, ein derartiges Regulativ oder Schema auszuarbeiten. Graetz ging sofort darauf ein, wir tauschten hierüber allerlei Gedanken aus und kamen darin überein, daß jeder von uns beiden ein Schema aufstelle und wir nach deren Vergieichung uns über ein endgültiges einigen, das der Kommission vorzulegen wäre. Erst nach den Herbstfeiertagen konnte man daran denken, die vorbereitenden Schritte aufzunehmen, Mitarbeiter zu werben und die Mittel, die für die Hilfskräfte erforderlich waren, zu beschaffen. Im Laufe des Winters schrieb ich an Graetz, sandte