Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 61 (1917)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Graetz als Exeget
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 382 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2829132-2829881-2829886-2894264--42910-2894341- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
382 Graetz als Exeget. samstes Mittel zur Herstellung eines befriedigenden Sinnes. Aber wichtiger noch als der Sinn ist der Geist der Bibel, und man vergesse nicht, daß die Lehrer des Talmud und Midrasch dem Geiste der Bibel viel näher standen und weit enger verwandt waren, als die Gelehrtenwelt von heute. Eine fortlaufende Kette des Studiums und der Überlieferung reicht im Volke Israel von dem Abschluß der Bibel bis zum Abschluß des Talmud und zur Niederschrift der Midraschim, und es müßte wunderbar zugehen, wenn Talmud und Midrasch bei allen schwierigen Bibelstellen völlig versagen und nicht eine Spur mehr der ehemaligen richtigen Erklärung verraten sollten. Darin aber liegt ein besonderes Verdienst, das Graetz als Exeget sich erworben hat, daß er mit vielem Scharfsinn im jüdischen Schrifttum manchen wertvollen Beitrag und Aufschluß zum Verständnis dnr heiligen Schrift entdeckt hat. Er hat sowohl geschichtlich als auch exegetisch nachgewiesen, daß Bibel und Talmud nicht als zwei getrennte Stufen zu betrachten sind, deren eine den Höhepunkt, deren andere den Verfall israelitischen Geistes darstelite. Die Lehrer der Mischna standen den Verfassern der jüngsten biblischen Bücher zeitlich nicht so fern, wie man gewöhnlich annimmt. Bibel und Talmud sind Grenzgebiete, die ineinander übergehen und der jüdische Geist ist nicht etwa nur an den biblischen angelehnt, sondern aus dem biblischen Geiste hervorgewachsen. Darum benutzt Graetz als Exeget den Talmud und Midrasch und dazu auch die jüdischen Erklärer des Mittelalters möglichst ausgiebig und zeigt, wieviel für das sprachliche, sachliche und geistige Verständnis der Bibel aus diesen literarischen Quellen zu schöpfen ist. So ist ein exegetisches Hilfsmittel, über das die christliche Bibelforschung vor 40 Jahren mit souveräner Verachtung hinwegsah, erst durch Graetz zu vollem Rechte und zu Ehren gekommen. Namentlich sein Psalmenkommentar bietet in dieser Hinsicht eine höchst beachtenswerte Fülle des Neuen. Graetz hat auch der hebr. Grammatik als Hilfswissenschaft der Bibelexegese sein Augenmerk zugewendet und zahlreiche feine Untersuchungen und Beobachtungen auf dem Gebiete der