Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 61 (1917)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Graetz als Exeget
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 381 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Graetz als Exeget. 381 glatten, leicht lesbaren Text herzustellen, zu weit gegangen ist, indem er jede Anomalie, darunter auch manche als schriftstellerische Eigenart erklärliche durch Textesänderung zu beseitigen suchte; wohl hat Graetz dem verführerischen Reiz einer scharfsinnigen Vermutung zuweilen nicht widerstehen können, deren Unhaltbarkeit sich jedem besonnenen Forscher aufdrängt, wohl hat ihm feinstes Sprachgefühl, wie wir es z. B. in den Emendationen S. D. Luzzattos finden, und streng zuverlässiger philologischer Takt gemangelt. Aber seine Besserungsvorschläge bekünden trotz alledem ein weit tieferes und verständnisvolleres Eindringen in den Geist ■der hebräischen Sprache, als es den vielen nichtjüdischen Bibelkritikern gegeben ist, die fast ausnahmslos trotz ihrer gewissenhaften Beobachtungen und Prüfungen grammatischer und sprachlicher Erscheinungen die Feinheit des hebräischen Sprachgefühls völlig vermissen lassen. Und wie zahm ist doch bei Graetz das Haschen nach Textes Verbesserungen, verglichen mit der wilden, verwegenen Konjekturen- und Hypothesen-Jägerei, der wir bei manchen neueren Bibelkritikern begegnen. Ihrer Kühnheit und Willkür gegenüber erscheint Graetz verhältnismäßig maßvoll und taktvoll. Die philologische Wissenschaft unserer Zeit nimmt für sich in Anspruch, den Text des Homer besser zu verstehen, als die alexandrinischen Gelehrten ihn verstanden haben. Die neuere Bibelwissenschaft darf sich auch getrauen, den Wort- und Satzsinn der Bibel richtiger zu verstehen, als Talmud und Midrasch ihn verstanden haben. Und an den Stellen, wo der geschulte philologische Geist von heute keinen befriedigenden Sinn herausfinden kann, haben gewiß auch die Lehrer des Talmud und Midrasch es nicht vermocht. Sie haben die Schwierigkeiten scharf herausgefühlt, aber, weil sie an die völlige Unversehrtheit des Textes glaubten, sich mit künstlichen Deutungen beholfen. Die Bibelwissenschaft kann solche Lösung von Schwierigkeiten nicht als genügend anerkennen, sie hält es für ausgemacht, daß der Bibeltext an vielen Stellen schadhaft ist, und betrachtet die Wiederherstellung des richtigen Textes als äußerstes und wirk-