Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 61 (1917)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Graetz als Exeget
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 383 (sequence 17)
- Language
- German
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Graetz als Exeget. 383 hebr. Laut- und Formenlehre, wie, auch der hebr. Punktations- und Akzentuationslehre nebst wertvollen Beiträgen zur biblischen Wortkunde und hebr. Syntax veröffentlicht. Seine Exegese ist aus lebendigem jüdischen Geiste heraus geboren. Nicht mit dem Seziermesser arbeitet Graetz an der Bibel herum, sondern mit dem Hörrohr des Kundigen belauscht er ihren Herzschlag. Ihm ist die heilige Schrift ein Lebendiges, das nicht gewaltsam auseinandergerissen, zerstückelt werden darf. Graetz reißt der Schrift nicht die Seele aus dem Leibe, gewaltsame Operation am Bibelworte betrachtet er als eine Versündigung an der Bibel. Und der Historiker hat dem Exegeten in die Hand gearbeitet durch den Nachweis, daß der Geist der Bibel im Judentum iinmer lebendig geblieben ist. Zunächst bis zum Abschlüsse des biblischen Kanon ohne jede Abschwächung in immer sich gleichbleibender Stärke, sodann im jüdischen Schrifttum ununterbrochen weiter lebend und fortwirkend. Auch das sogenannte Spätjudentum hat — Graetz legt großes Gewicht auf diese Feststellung — vollwertige biblische Bücher hervorgebracht, die nicht schwächliche Verfallsprodukte sind, sondern an Kraft und Tiefe, an Gehalt und Schönheit den früheren Erzeugnissen des israelitischen Geistes durchaus ebenbürtig. Der Exeget Graetz ist nicht nur von jüdischem Geiste erfüllt, sondern auch immer von aufrichtiger Ehrfurcht vor dem biblischen Geiste geleitet. Wohin immer Graetz sein horchendes Ohr neigt, hört er die alten Quellen und Brunnen unterirdisch rauschen und Stimmen der Vorzeit geheimnisvoll raunen. Mit seinem durch unablässige Forschung geschulten Scharfsinn sucht er die Geheimnisse der biblischen Bücher zu erlauschen, ihre Abfassungszeit zu ergründen, ihren geschichtlichen Hintergrund zu erraten. Aber der Flüsterton, der aus der Tiefe der Vergangenheit ihm klingt, erweist sich vielfach als eine Täuschung. Auch heute noch gibt es keine volle Gewißheit in den wichtigsten Fragen der Bibelforschung. Aus den bibelkritischen Arbeiten von Graetz können trotzdem die Bibelforscher noch heute vieles lernen. Selbst die Irrtümer eines Scharfsinnigen sind lehrreich, und Graetz bleibt ein großer Anreger auch dort, wo er nicht Entdecker ist.