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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1917-01-01 · Heft 4 · p. Seite 379

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
61 (1917)
Issue
Heft 4
Article
Graetz als Exeget
Date
1917-01-01
Page
Seite 379 (sequence 13)
Language
German
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Graetz als Exeget. 37a Stellen Verbesserungen geradezu herausfordert. Die Verfasser der biblischen Bücher haben unmöglich solche Sätze schreiben können, die der hebräischen Formenlehre und Syntax geradezu widerstreben und einen gesunden Sinn völlig vermissen lassen. Die Psalmisten, Geschichtsschreiber und [Spruchdichter wollten nicht unverständlich und auch nicht zweideutig sich ausdrücken, sondern klar und eindeutig. Es gereicht der Bibel nicht zur Ehre, sie Unbegreiflichkeiten reden zu lassen, die logisch und philologisch jeder Erklärung spotten, und den Text so stehen zu lassen, daß er jeden Denkenden vor den Kopf stößt. Die Hoheit, Lauterkeit, Schönheit und Einfachheit der biblischen Ausdrucks- und Vorstellungsweise wird durch die Beschaffenheit des überlieferten Textes vielfach in Frage gestellt. Hier ein Satz höchster Weisheit und unmittelbar daneben ein unverständliches Wortgefüge, dem seit mehr als einem Jahrtausend aller Geistesaufwand keinen befriedigenden Sinn abzuringen vermag, hier ein Satz von entzückender Klarheit und Glätte und mitten drin ein störendes, unerklärliches, unverständliches Wort oder mehrere Worte, die Ungereimtheiten ähnlich klingen. Hier hilft nicht Deutung, hier hilft nur Texteskritik. »Daher ist es' gerade jüdischerseits«, meint Graetz, »eine gebieterische Pflicht, durch die Wiederherstellung des Textes in seiner Ursprünglichkeit . . . darzustellen, daß die Lehre Gottes fehlerlos ist und die Seele erquickt«1). Also nicht aus Freude an scharfsinnigen Konjekturen und nicht aus Mangel an Respekt vor dem Bibelwort, sondern aus heiliger Scheu vor dem Geiste der Bibel, um die heilige Schrift von Verkennung und Verdunkelung zu erlösen, vor Mißverständnissen und Mißdeutungen ohne Ende zu schützen, sehen wir Graetz zur ultima ratio der Textesänderung greifen, als dem äußersten aber auch wirksamsten Mittel, um sonst unheilbare Widersprüche zu^heilen. Lieber wagt er eine unhaltbare Konjektur, als daß er dazu sich herbeiließe, eine Stelle ungeändert zu lassen, die ihm so, wie sie jetzt lautet, als ein Verstoß gegen den heiligen Geist der Schrift ג) Siehe Monatsschr. 1886, 220.

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