Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 61 (1917)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Graetz als Exeget
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 375 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Graetz als Exeget. 375 Behandlung der biblischen Bücher hält Graetz für ungerechtfertigt1). Gerade die Kritik verleihe der biblischen Geschichte die Würde der Tatsächlichkeit, gerade die Kritik zeige, daß sich die israelitischen Geschichtsquellen vor allen anderen durch Wahrhaftigkeit und Richtigkeit auszeichnen. Kritiklosigkeit der Bibel gegenüber lasse nur die Alternative übrig, die Bibel entweder als außerhalb jedes geschichtlichen Zusammenhanges oder als außerhalb jeder Glaubwürdigkeit liegend anzusehen und, wie man sich auch entscheiden mag, Widersprechendes für wahr, Ungeschichtliches für geschichtlich zu halten. Die philologische und historische Kritik am ßibelworte sei nicht allein berechtigt, sondern auch notwendig, ja unerläßlich. Ein Stück, das seinem Inhalte oder seiner Sprache nach nicht vorexilisch sein kann, darf selbst dann nicht als vorexilisch gelten, wenn seine Aufschrift oder seine Zugehörigkeit zu einem vorexilischen Buche für eine noch so frühe Abfassungszeit spricht. Graetz hält es darum für überflüssig, erst noch ausführlich zu beweisen, was die Kritik auf den ersten Blick ergibt, z. B. daß die Psalmen, die den Verfassernamen David in der Aufschrift haben, ihm zumeist nicht angehören, wie denn überhaupt viele Aufschriften in der Bibel kritisch unhaltbar seien, Graetz betrachtet es nicht ais eine Vermutung, sondern als eine unanfechtbare Tatsache, daß, ähnlich wie das Buch jesaia nicht durchweg jesaianisch ist, auch andere prophetische Bücher nicht durchweg von dem einen in der Aufschrift als Verfasser angegebenen Propheten stammen. So spricht Graetz2) von einem ersten und zweiten Hosea, von einem ersten, zweiten und dritten Zacharia. Ob eine biblische Religionsurkunde um einige hundert Jahre älter oder jünger ist, scheint ihm für die Bemessung ihres religiösen Wertes beinahe gleichgiltig. Dem Begriffe der Prophetie schade es nicht, wenn die Kritik sich genötigt sehe, die Abfassungszeit mancher Reden hinunterzurücken. Denn für die Wahrheit der Prophetie sei es z. B. gleichgiltig, ob der Untergang des Chaldäerreiches und die v) Siehe Graetz 1, Vorwort S. X. 2) Siehe Graetz 1, Note 2, S. 439 ff.