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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1917-01-01 · Heft 4 · p. Seite 374

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
61 (1917)
Issue
Heft 4
Article
Graetz als Exeget
Date
1917-01-01
Page
Seite 374 (sequence 8)
Language
German
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374 Qraetz als Exeget. Esther als einer ungeschichtlichen Erzählung der gehässigen Ver- Wertung dieses Buches der Boden entzogen wird. Was niemals sich begeben hat, kann nicht länger von judenfeindlichen Exegeten nach Art Lagardes als historischer Beleg für jüdische Rachsucht und Grausamkeit, für jüdischen Eigendünkel und Fremdenhaß ausgenutzt werden. Aber die Graetz’sche Beweisführung ist hier mehr bestechend als zwingend, und der Eindruck bleibt bestehen: 1לפום חורפא שבשתא), daß der Größe des Scharfsinnes entspricht die Größe des Irrtums. Bei der kritischen Untersuchung der Hagiographen verfährt Graetz ohne Bedenken ziemlich radikal, auch bei Besprechung der Prophetenbücher zeigt er sich nicht dogmatisch gebunden, sondern nur von tiefster Verehrung von dem Geiste dieser Schriften beseelt. Wo aber der Pentateuch als Gesetzbuch in Frage kommt, gehört Graetz zu den Bibelkritikern konservativer Richtung, die der Wellhausenschen Hypothese von verschiedenen Verfassern und Bearbeitern des Pentateuch sich entschieden widersetzen. Graetz dringt mit allem Nachdruck auf die rechte Erklärung der Bibel nach kritischer Methode. Denn während die falsche Erklärung einer Stelle in einem griechischen oder lateinischen Schriftsteller keinerlei Bedeutung für das Leben hat, keine nachteiligen Folgen für die Erben der Griechen oder Römer nach sich zieht, führt die falsche Bibelauslegung Nachteile für die lebendigen Träger der Bibel herbei, selbst für diejenigen, die keinen Wert darauf legen. Bedenkt man, welche üblen Folgen die falsche Bibelerklärung für die soziale und moralische Beurteiluug der Juden noch immer hat, so sollte jüdischerseits alle Energie darauf verwendet werden, de1*artige schädliche Irrtümer aus der Welt zu schaffen2). Das Mißtrauen gegen die kritische 1) B, mez. 96 b. 2) Siehe Monatsschr. 1S78, 2 ff., wo als eklatantes Beispiel einer solchen Verkennung infolge falscher Auslegung B. 10g, 6-19 ausführüch behandelt und vortrefflich erklärt wird. Nach Graetz sind die Verwünschungen in diesem Psalm nicht vom Psalmisten gegen seine Feinde, sondern von den Anklägern des Psalmisten gegen diesen gerichtet.

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