Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 61 (1917)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Graetz als Exeget
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 370 (sequence 4)
- Language
- German
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370 Graetz als Exeget. jeder Schroffheit abgeneigten Hillelschen Schule gewesen. Die Graetz’sche Übersetzung und Erklärung bietet eine Fülle des Neuen, darunter auch viel wertvolle Einzelheiten zum Verständnisse des Buches Kohelet. Hervorgehoben zu werden verdient die vortreffliche Ausnutzung der alten Versionen und des talmudischhebräischen Sprachgutes zur Aufhellung von Dunkelheiten des Wort- und Satzsinnes. Ähnliche Vorzüge, aber auch ähnliche Mängel weist seine Übersetzung und kritische Erläuterung des Schir ha־Schirim auf. Graetz setzt das Hohelied in die mazedonische Epoche. Es soll erst kurz vor dem Ausbruche der hellenistischen Apostasie in Judäa unter dem Tobiaden Joseph, also ein halbes Jahrhundert vor den Makkabäerkämpfen geschrieben sein. Ein Liebeslied mit ethischem Hintergrund und didaktischer Tendenz, gerichtet gegen die oberflächliche und sinnliche Liebe, gegen die herrschende Üppigkeit und Genußsucht, gegen die zunehmende Überfeinerung und Verweichlichung speziell in Jerusalem. Ein Verzeichnis der Aramaismen und Neuhebraismen, wie auch der persischen und griechischen Sprachelemente, ferner eine Zusammenstellung griechischer Lebensgewohnheiten und Anschauungen im HL und ein Hinweis auf Parallelen bei griechischen Dichtern1) unterstützt die Annahme der späten Abfassung dieses Buches. Es kann nicht geleugnet werden, daß vieles, was Graetz hier beibringt, weit hergeholt ist, manches nur ein Gebilde der ergänzenden Phantasie, deren der Forscher allerdings nicht völlig entraten darf, deren ungezügelter Herrschaft jedoch er sich immer zu entschlagen hat. Auch Graetz hat das HL nicht restlos zu erklären vermocht, und sein Kommentar hat mehr Widerspruch als Zustimmung gefunden. ln wissenschaftlicher Arbeit und schriftstellerischer Tätigkeit konnte Graetz nicht ruhen. Die Jahre 1870 und 1871, in denen er auf dem Felde der Geschichtsschreibung nach dem Erscheinen des elften und letzten Bandes seiner Geschichte x) Siehe Graetz, Schir ha *Schir im S. 40 ff.