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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1917-01-01 · Heft 4 · p. Seite 369

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
61 (1917)
Issue
Heft 4
Article
Graetz als Exeget
Date
1917-01-01
Page
Seite 369 (sequence 3)
Language
German
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Graetz als Exeget. 869 wie die protestantische Theologie behaupten möchte, des heiligen Geistes ermangelt, dessen das frühere biblische Schrifttum voll ist. Ausgehend von dem unumstößlichen Ergebnis der Bibel- Wissenschaft, daß das Buch Daniel aus der Zeit der Makkabäer stammt, und fußend auf der Annahme, daß die letzte Kanonisierimg biblischer Bücher noch um weitere 250 Jahre später erfolgt ist1), konnte Graetz unbedenklich die Abfassungszeit eines hagiographischen Buches so tief hinunterrücken, wie es seiner wissenschaftiichen Überzeugung entsprach. Er setzt die Entstehung des Buches Kohelet in die Regierungszeit des Herodes und findet darin eine satyrische Sittenschilderung jener Epoche, was er mit vieler Gelehrsamkeit, aber nicht ohne Gewaltsamkeit, mit großem Scharfsinn, aber nicht ohne Zuhilfenahme allzukühner phantastischer Behauptungen zu erweisen versucht. Während die neueren Bibelkritiker annehmen, daß Kohelet in seiner gegenwärtigen Gestal deutliche Widersprüche neben unverkennbaren Spuren einer Überarbeitung im frommen Sinne aufzeige, findet Graetz in diesem Buche nicht einander widersprechende Ansichten, sondern nur sittlich-religiöse Bekämpfung einer finsteren Lebensanschauung. Alles, was damit nicht sfimmt, ist nach Graetz nicht als Überzeugung des Verfassers, sondern nur als gegnerische Ansicht zu betrachten2). Wenn Kohelet die Unsterblichkeitslehre bekämpft, sei dabei zu bedenken, daß diese Lehre sowohl im altbiblischen als auch im nachexiiischen sopherischen Judentum keineswegs als Glaubensartikel aufgestellt ist3). Damit brauche die Stelle (12, 7) »und der Geist kehrt zu Gott zurück, der ihn gegeben« nicht im Widerspruch zu stehen. Denn auch wenn dieser Halbvers nicht ein späterer dogmatisierender Zusatz ist, sagt er doch nicht eigent-!ich aus, daß der zu Gott zurückgekehrte Geist ewig lebe4). Von dem dogmatischen Glaubensbekenntnis des Verf. könne man höchstens soviel sagen, er sei im Ganzen ein Gegner der übertrieben frommen schäm maitischen Richtung, ein Jünger der milden, J) Siehe Graetz, Kohelet S. 147 ff. 2) Das. S. 27. 3) Das. S. 28. Monatsschrift, 61. Jahrgang. 4) Das. S. 37. 25

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