Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 61 (1917)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Graetz als Exeget
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 368 (sequence 2)
- Language
- German
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368 Grsefcz als Exeget. einflußt, wo jede neue Meinung heißumstritten ist, jede neue Hypothese auf grundsätzliche Gegnerschaft stößt, sind die Graetzsehen Erklärungen, Behauptungen und Vermutungen von Anfang an nicht genug hoch eingeschätzt, von manchen als willkürliche Annahmen bezeichnet, vor allem aber von den protestantischen Theologen, die das Gebiet der alttestamentlichen Bibelexegese als ihre Domäne betrachten, ziemlich geringschätzig angesehen worden. Die jüdische und christliche Orthodoxie hat ihm seinen Freisinn stark verdacht, die protestantische Bibehvissenschaffc es ihm arg verübelt, daß er das X. T. frei von antiisraelitischer und anttjüdischer Voreingenommenheit ohne jede Rücksicht auf christlichtheologische Lehrmeinungen und Geschichtskonstruktionen zu erklären unternommen hat. Aber wenn auch das Verdienst des Exegeten Graetz hinter dem des Historikers unzweifelhaft zurücksteht, so hat doch sein Scharfblick und Scharfsinn, seine überaus feine Beobachtungsgabe und kritische Methode auch auf dem Felde der Bibel forsch ung Bemerkenswertes geleistet. Bis zum Abschlüsse des letzten Bandes seiner Geschichte hat Graetz sich mit Bibelexegese nur so weit beschäftigt, wie sein Lehramt am Breslauer jüdisch-theologischen Seminar es mit sich brachte. Mit Arbeiten über die Bibel trat er erst seit 1870 an die Öffentlichkeit, und von da ab bildet die Bibelforschung ein wichtiges Stück seiner wissenschaftlichen Betätigung. Ist es Zu- Sali, daß er zuerst mit den Hagiographen sich befaßt hat? Ende 1870 erschien von ihm Kohelet oder der Salomonische Prediger, im folgenden Jahre Schir ha-Schirim oder das Salomonische Hohelied, übersetzt und kritisch erläutert. Daß er mit. Kommentaren zum dritten Teile der Bibel den Anfang machte, hat er selbst1) damit begründet, daß er ein tieferes Verständnis der gesamten hagiographischen Literatur anbahnen und die Tat-, sache feststellen wollte, daß diese Literatur, trotzdem sie zum größten Teile der nachexilischen Zeit angehört, doch keineswegs, 1) Siehe Vorwort zu Schir ־ha-Schirim: S. VL