Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 61 (1917)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Graetzens Philosophie der jüdischen Geschichte
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 364 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2829132-2829881-2829886-2894263--42891-2894323- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
364 Oraetzens .Philosophie der jüdischen Geschichte. und Inhalts gerichtet« (S. 361). Die Religiosität »sucht die Wissenschaft ihres eigenen Wesens und ihrer Bedeutung.« An die Stelle der Weisen in der zweiten Periode treten jetzt die Gelehrten, die Religionsphilosophen, die Systematiker; »das Judentum wird Wissenschaft.« Und diese Wissenschaft will »eine religiös-soziale Wirklichkeit« hervorbringen. Jetzt auf einmal erscheinen nun auch die beiden Momente, das religiöse und das politische, die vorher getrennt waren, im Religiös- Sozialen schlicht vereinigt. Die Theorie, die Wissenschaft hat diese Vereinigungzustandegebracht. Die Zerstreuung hatte diejuden in das Weltleben verschlagen, während der Talmudismus, oberflächlich betrachtet, nur die Isolierung zum Zwecke zu haben schien. Diese Isolierung aber erst schuf und ließ die Möglichkeit Bestand gewinnen für das Weltleben; die Theorie war die gemeinsame Grundkraft für beide Erscheinungsformen des geschichtlichen Lebens der Juden. »Wohin der Zug der Weltgeschichte gieng, wo nur ein Samenkorn weltgeschichtlichen Lebens ausgestreut wurde, dahin folgte auch die Wanderung des Judentums.« (S. 364). Und der Talmudismus war die Schutzwehr gegen die Verflüchtigung und Selbstauflösung auf dieser Wanderung. »Dieselbe Bestimmung, welche die Naturgrenzen Palästinas für das Judentum hatten, der hohe Libanon im Norden, die Sandwüsten der Ost- und Südgrenze, das halbtrennende Meer im Westen das heilige Land von einer allzu innigen Berührung mit der polytheistischen Welt abzuschneiden, ganz dieselbe Bestimmung haben die Umzäunungen des Taimudismus für die Exilszeit . . . ihm allein hat das Judentum seine Fortdauer zu verdanken.« (S. 366.) Wir wollen hier nicht an dem Worte »allein« mäkeln; denn es ist nur so gemeint, daß derTalmud in seinerGanzheit, insofern er auch dieüaggada enthält, mithin alle Seiten des jüdischen Geistes anklingen läßt, also auch den Prophetismus in Poesie und Philisophie fortsetzt, das Judentum erhalten habe. Und die Haggada war ja nur die Blüte der Halacha, der eigentlichen Theorie. Für diese einheitliche Theorie bluteten die Märtyrer der Hadria- 11is.chen Zeit. Und diese Theorie, welche Halacha und Haggada