Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 61 (1917)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Graetzens Philosophie der jüdischen Geschichte
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 357 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Graetzens Philosophie der jüdischen Geschichte. 357 diese drei Begriffe, Staat, Nation und Religion, sich zum zentralen Problem für seine Geschichte der Juden zu Grunde gelegt hätte, aber es ist sehr beweiskräftig für die methodische Gründlichkeit, mit der er auch im philosophischen Sinne, nämlich im methodologischen, für sein großes Werk die Vorbereitung traf, daß er, bevor er an dieses selbst heran ging, bereits im Jahre 1846 in der von unserm Lehrer Frankel redigierten »Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judentums« eine Reihe von Artikeln über »die Konstruktion der jüdischen Geschichte, eine Skizze« veröffentlichte. Schon im Beginne dieser Abhandlung kam es nun aber zu einer sehr interessanten und lehrreichen Kontroverse zwischen ihrem Verfasser und dem Redakteur, und zwar an keinem anderen als diesem Wendepunkte in der Auffassung der jüdischen Geschichte. Graetz nämlich beginnt mit der Frage »Was ist Judentum?« Diese Frage ist sein erstes Wort. Und er erörtert sie in, einer kurzen Auseinandersetzung mit Samuel Hirsch, Steinheim S. R. Hirsch, den er als Ben Usiel auf Grund der 19 Briefe bezeichnet, die unter diesem Autornamen erschienen waren, endlich auch mit Mieses. Er selbst bekennt sich zu dem Versuche, »die jüdische Geschichte begrifflich zu konstruieren« {S. 84). Und der erste Begriff, mit dem er das Judentum als Negation des Heidentums erfaßt, entsteht durch die Bestimmung: »Es tritt gleichsam als Protestantismus auf.« So konstruiert er nach Steinheim den Gegensatz von Heidentum und Judentum als den von Natur und Geist. Und aus diesem Gegensätze entsteht der der Geistesreligion gegen die Naturreligion, sowie der der göttlichen Transzendenz gegen die Immanenz. Nun sollte man denken, daß diese Geistesreligion mit dem transzendenten Gotte unzweifelhaft als Monotheismus präzisiert würde. Indessen überrascht uns die Wendung: »daß nicht einmal die monotheistische Idee das primäre Prinzip des Judentums ist« (S. 87). Der Monotheismus sei vielmehr nur ein negatives Prinzip, das erst einer positiven Ergänzung bedürfe. Höchst sonderbar: das Prinzip des einzigen Gottes wäre nur die Negation des Heidentums und bedürfte selbst noch einer positiven Be-