Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 61 (1917)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Graetzens Philosophie der jüdischen Geschichte
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 356 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Graetzens Philosophie der jüdischen Geschichte. Von Hermann Cohen. Für die Philosophie der Geschichte, besteht die methodische Grundfrage: ob die Geschichte ihren Schwerpunkt in der politischen habe, oder in dem Kollektivbegriffe der Kulturgeschichte. Die Geschichte der Juden dürfte Licht bringen in diese Schwierigkeit. Demi nach der Vernichtung des jüdischen Staates haben die Juden eine Geschichte, die jedoch eines eigenen politischen Mittelpunktes entbehrt. Freilich ist hier an die Stelle des Staates die Nation getreten, und es könnte daher der Schein entstehen, daß die Geschichie der Juden, als eine Geschichte der jüdischen Nation, die Fiktion eines jüdischen Staates aufrechterhielte. Indessen erhebt sich hiergegen das Verhältnis der jüdischen Nation zur jüdischen messianisehen Religion, welche letztere nicht mehr in Identität gesetzt werden kann mit dem jüdischen Staate. Es bleibt daher kein Ausweg für die jüdische Geschichtsschreibung, der sie der jüdischen Nation wegen auf den jüdischen Staat hin* lenken könnte, wenn anders die jüdische Religion ihr unverrückbarer Mittelpunkt und ihr zentraler Gegenstand sein muß. So würde die Geschichte der Juden den politischen Schwerpunkt auszuschalten und unter den Triebkräften der allgemeinen Kultur einzig und allein die jüdische Religion in ihrer Entwicklung darzustellen haben. Für einen Mann von dem politischen Feuereifer unseres Graetz und zumal in der Zeit, als M. Hess sein »Rom und Jerusalem« schrieb, war es gewiß eine harte Probe, auf weiche sein wissenschaftliches, sein religiöses und vollends sein jüdischnationales Bewußtsein gestellt wurde, als er über dieses Grundprobleni der Geschichtsphilosophie sich entscheiden sollte. Wir haben nun zwar kein eigenes literarisches Dokument darüber, daß er