Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 61 (1917)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 353 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinrich Graetz. 358 und Antisemit ist, zum Vorwurfe gereichen. Graetz ist zu widerlegen, nicht zu überschreien. Übrigens gehört das neue Quellenmaterial, das Graetz für die Geschichte des Christentums beibringt, sowie der Schatz von neuen Aufschlüssen, die er gibt, bereits zum Schatz der christlichen, wissenschaftlichen Theologie, wofür ihm dieselbe nur Dank wissen kann und tatsächlich Dank weiß. Als eine Illustration aber zu dem Treitschkeschen Vorwürfe des Christenhasses kann die auch um ihrer selbst willen erwähnenswerte Tatsache dienen, daß die königlich spanische Akademie für Geschichte zu Madrid Graetz zu ihrem Ehrenmitgliede ernannt hat. Demnach kann es mit seinem Christenhasse nicht weit her sein. Darauf hat sich Spanien immer verstanden. Wenn schon ein Tadel oder, sagen wir glimpflicher, ein Mangel an dem Graetzschen Geschichtswerke — nicht vom nationalen oder konfessionellen, sondern von dem hier einzig und allein in Betracht kommenden wissenschaftlichen Standpunkte — hervorgehoben werden soll, so ist es der, daß Graetz das kulturhistorische und soziale Moment zu wenig berücksichtigt hat. Würde ein künftiger Geschichtsschreiber der Juden ihre Stellung und Bedeutung in der Gegenwart in vollkommen entsprechender Weise schildern, wenn er bloß ihr inneres Leben, ihr religiöses Verhalten, ihre Schicksale, ihre gewerbliche, geschäftliche und wissenschaftliche Tätigkeit darstellen, nicht aber ihre Stellung und Bedeutung in dem öffentlichen und gesellschädlichen Leben dem Leser vorführen würde? Gewiß nicht. Denn die Juden bilden in der Gegenwart für Freunde und Feinde, und mehr noch für die Letzteren als für die Ersteren, einen nicht zu unterschätzenden Faktor des öffentlichen Lebens; sie werden in alles und jedes, bis auf die Diskussion über das Weiter hineingezerrt, was natürlich übertrieben, aber doch ein Zeugnis dafür ist, daß sie auf die verschiedenste Weise mit dem kulturellen und gesellschaftlichen Leben der Gegenwart verflochten sind. So ist׳ es aber eigentlich immer mit den ■Juden gewesen, trotz ihrer Ab- Schließung in den Ghettos; und man braucht nur die intimen Monatsschrift, 61. Jahrgang. 24