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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1917-01-01 · Heft 4 · p. Seite 354

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
61 (1917)
Issue
Heft 4
Article
Heinrich Graetz
Date
1917-01-01
Page
Seite 354 (sequence 34)
Language
German
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354 Heinrich Graeiz. Witze über sie bei Horaz und Juvenal und in den deutschen Fastnachtsspielen von Folz und Rosenblut, sowie in den Erzählungen Hans Wilhelm Kirchhofs zu lesen, oder die ehrenden Erwähnungen, die sie bei Sebastian Brant, dem Laienprediger Lotzer und anderen finden, sich zu vergegenwärtigen, um sich zu überzeugen, daß es im alten Rom und im deutschen Mittelalter gewesen ist, wie heutzutage: die Juden waren durch Ein- Wirkungen, die sie empfingen und gaben, mit der Zeitgeschichte aufs innigste verflochten. Der ganze Aufbau der christlichen Predigt, die Mystik Seuses und Taulers ist ohne diese jüdischen Einwirkungen gar nicht zu verstehen. Die deutsche Dichtung weist durch die Wahl mancher Stoffe auf sie zurück, und selbst die deutsche Sprache bekundet durch zahlreiche Bilder, Wendungen und Worte, daß sie—Manche werden ausrufen: leider! — nicht »judenrein« ist. Diese Andeutungen mögen genügen, um zu zeigen, was an dem Graetzschen Geschichtswerke zu bemängeln, und nach welcher Richtung es auszubauen ist. Aber wer wollte auch demjenigen, der es unternimmt, einen Urwald zu lichten, es zum Vorwurfe machen, wenn er bei Aus- Übung dieses Geschäftes den zarten Bau und die Feinheiten der Farne und Gräser unbeachtet läßt, die sein Fuß zertritt. Und Graetz hat einen Urwald gelichtet, er hat wissenschaftliche Irrtümer, Fabeln und Vorurteile für immer zerstört, und man wird es vergeblich versuchen, sie von neuem anzupflanzen und zur Entfaltung zu bringen. Diesen Erfolg verdankt er seiner Art zu arbeiten und seiner Genialität, welche ihn ein ungeheures Arbeitsgebiet mit Leichtigkeit bewältigen ließ. Der an Schlaflosigkeit leidende, aber auch des Schlafes wenig bedürftige Mann hatte schon eine Tagesarbeit vollbracht, wenn für andere erst der Tag anbrach. Auf den verschiedensten Sprachgebieten hat er erst die Quellen entdecken müssen, aus denen er dann schöpfte. Denn ihm war nicht der Vorteil dargeboten, dessen sich der Geschichts- Schreiber des klassischen Altertums oder der modernen Kultur- Völker erfreut. Dieser findet bereits korrekte Ausgaben seiner Quellen, sein Corpus inscriptionum und vielfach abgeklärte

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