Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 61 (1917)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 339 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinrich Graetz. 339 fortdauernde Beziehung zu den gleichzeitigen Ereignissen der Weltgeschichte zu ahnen, zu suchen und zu finden. Er hat an seinem Teile redlich dazu beigetragen, durch die Anwendung der neuen Forschungsmethoden auf die Quellen des jüdischen Wissens, in unserm eigenen Lager das gesunkene Selbstbewu ßtsein wiederherzustellen, dem nach wachsenden Geschlecht durch die Erinnerung an die unverdrossene Kulturarbeit der Vorfahren Würde und Haltung zu verleihen und zugleich nach außen hin der Gesamtheit des Judentums Achtung und Änerkennung zu verschaffen. Er hat es selber freimütig bekannt, daß die Liebe zu seinem Volke ihm die Feder geführt hat. Dabei hat er keinem zu Liebe und keinem zu Leide stets frisch und frei seine Meinung ausgesprochen, zumal er durch sein akademisches Lehramt in der Lage war, unabhängig und unbeeinflußt von allen Gemeindegewaltigen geistlichen und weltlichen Standes alle Vorgänge in der Judenheit »von der hohen Warte des grauen Hauses auf der Wallstraße« aus, wie einmal ein amerikanischer Gelehrter, ebenfalls ein Zögling unserer Anstalt und sein Schüler, treffend gesagt hat, zu überschauen und zu beurteilen. Es verschlägt nicht viel, daß er mitunter in seinem Urteil fehlgegriffen, daß er einzelne Erscheinungen einseitig gewürdigt, daß er hie und da, wo zuverlässiges Material ihm fehlte, Lücken in seiner Darstellung gelassen hat, daß er etliche Quellenstellen unrichtig verstanden, etliche Bücher oberflächlich zitiert, etliche Jahreszahlen fehlerhaft fixiert hat1). Er legte eben keinen allzugroßen Wert darauf, als ein Zunftgeiehrter vom allerschwersten Kaliber zu gelten, und hat sich niemals, da er selber ein temperamentvoller Herr war, selbst von seinen schärfsten Kritikern die Laune verderben oder gar das l) In diesem Zusammenhang genügt der Hinweis auf meine stillschweigenden und ausdrücklichen Berichtigungen und Bemerkungen in den von mir neu herausgegebenen Bänden der Geschichte, vgl. Verzeichnis pp. NNr. 388. 38g. 390. 391. 392. 393. Vgl. übrigens auch die von Eppenstein, Guttmann, Halberstam, Harkavy, Horowitz u. Rosenthal den Neuausgaben der Bände IV, V u. VII hinzugefügten Bemerkungen.