Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 61 (1917)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Lazarus Bendavid
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 200 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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200 Lazarus, Bendavid. auf das Nützliche oder Nachtheiiige der wechselseitigen Einwirkung dieser Begriffe aufeinander, zu werfen. Aber so viel wissen wir; daß sie bey dem Hausvater jüdischer Nation nicht statt findet^ noch finden kann. Seine Religion, anfänglich bloß auf sein bürgerliches Wohl als Einwohner Palästinas berechnet, schrieb ihm Gesetze vor, die zwar für ihn, in seiner damahligen Lage, den Zweck erreichten; aber für einen Bewohner Europäischer Länder gar nicht ausführbar, und auch wirklich größtentheils, wo einst förmlich abgefaßt, doch stillschweigend aufgehoben sind. Gleichsam aber, als wäre der Mensch gehalten, eine bestimmte Anzahl Gesetze zu beobachten, sie mögen zweckmäßig seyn oder nicht; gleichsam als gehörte diese Beobachtung bloß zum Seelenheil: füllte der Jude neuerer Zeiten die Lücke, die durch den Ausfall der Localgesetze entstand, durch Ceremonial-Gesetze aus, die, weit entfernt ihm irgend einen Nutzen zu gewähren, noch überdieß kostspielig und seinen! zeitlichen Vortheil schnurgerade entgegengesetzt sind. Daraus entspringt nun in dem Gemüthe desselben eine Folge, die von der, die sich in dem Kopfe des Christen bildete, merklich absteht. Religion und Bürgertugend, Seelenheil und zeitlicher Vortheil sind ihm nicht nur die heterogensten Dinge geworden, sondern alles, was das Eine befördert, zerstört sogar das andere, und alle Wege, worauf man ihn zur Habhaftwerdung des letzteren führen will, scheinen ihm von der Erlangung des ersteren abzuleiten. Heilig ist ihm seine Religion; aber eben dadurch sieht er auf die Künste des Lebens mit Verachtung herab, und betrachtet selbst den, der ihn zur Erwerbung weltlicher Weisheit, durch Gründe des zeitlichen Nutzens zu leiten sucht, als einen Teufelskünstler, der ihn in Versuchung fuhren, und ihn seines größeren, schätzbareren Guthes, seines Seelenheils, berauben will1). Der heutige Jude, in Betracht seiner Aufklärung noch auf dem Standpuncte der Menschen, die um das Jahr Eins der Christ• ג) Randbemerkung: Die ganze Schilderung gilt von dem deutschen Juden gar nicht, von dem polnischen nur da, wo er ganz isoliert steht.