Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 61 (1917)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Das Wort Pharisäer bei Spinoza
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 159 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2829132-2829881-2829884-2893977--42658-2894073- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Das Wort Pharisäer bei Spinoza. 159 Religion nachsagen. Auch hier bedeutet Pharisäer die überlieferungsgläubigen Juden. So ergibt sich aus allen den Stellen bei Spinoza, wo das Wort Pharisäer nicht Peruschim bedeuten kann, übereinstimmend klar, daß darunter die traditionsgläubigen Juden überhaupt, nicht etwa nur die talmudischen oder nachtalmudischen Rabbiner gemeint sind. Nach dieser Feststellung aber entsteht die Frage: Was hat Spinoza bewogen und berechtigt, für traditionsgläubige Juden Pharisäer zu sagen? Sollte der talmudkundige Spinoza nicht ge״ wußt haben, daß der Name Pharisäer durchaus nicht auf die frommen Juden aller Zeiten anwendbar ist? Ich glaube mit einer an Gewißheit grenzenden Wahrscheinlichkeit nachweisen zu können, daß Spinoza die merkwürdige Bezeichnung Pharisäer für traditionsgläubige Juden nicht erfunden, sondern vorgefunden hat Die Vertreter der Amsterdamer Juden, Vorstand und Rabbinen haben den Behörden gegenüber seit dem Auftreten Uriel da Costas, dem es an Gesinnungsgenossen nicht fehlte, sich als Pharisäer bezeichnet. Auf welchem Wege es dahin gekommen ist, soll im Folgenden gezeigt werden. Wir wissen, daß Uriel da Costa und andere Zweifler seiner Art in den Augen der Rabbiner als Sadducäer gegolten haben und mit diesem Namen von Anfang an und immer bezeichnet worden sind. Unter den hinterlassenen Briefen des Rabbiners von Venedig Leon Modena1) befindet sich ein von ihm anscheinend für den Vorstand seiner Gemeinde verfaßtes, an die Vertreter der Gemeinde Hamburg gerichtetes Schreiben2), einen dortigen Ketzer betreffend. Der Brief ist undatiert, kann aber, wie der Herausgeber nachgewiesen hat, nur aus der Zeit 1616—17 stammen. »Mit Entsetzen haben wir gehört, daß in einem Manne aus Eurer Gemeinde ein Geist sich regt, der wie ein böser Dämon ihn aufscheucht, Irriges auszusprechen gegen die mündliche Lehre und die Worte unserer Weisen. Ob er Sadducäer, Boethusäer oder Karäer ist: was er eigentlich im Sinile hat, wissen wir ב) Blau, Leo Modenas Briefe und Schriftstücke 1905. 2) Ebendas., hebr. Teil S. 146 und deutscher Teil, S. 85 ft.