Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 60 (1916)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Wesen und Mission des Judentums
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 424 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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424 Wesen und Mission des Judentums. an der Erörterung von Rechtsgedanken stets ein besonderes Interesse gefunden haben. Sie haben damit ihren religiösen Sinn betätigt. Beschäftigen sich die Juden heute weniger mit Recht und Gerechtigkeit, so ist dies ein Zeichen von Erschlaffung des jüdischen, religiösen Geistes. V. Sich der Hervorbringung der Gerechtigkeit zu widmen, ist die ewig unverrückbare Aufgabe des Judentums. Wenn sich die heutige Judenheit dieser hier dargestellten Mission wenig bewußt ist, so beruht dies nicht auf der Undurchführbarkeit der Aufgabe. Diese Annahme haben wir widerlegt. Vielmehr ist die Schwäche der heutigen jüdisch-ethischen Betätigung durch die historisch gewordene Lage verursacht, in der sich das Judentum äugenblicklich befindet. Die Aufgabe bleibt dennoch für Gegenwart und Zukunft unverrückbar. » Gewiß kann dieser Aufgabe auch durch Belehrung und Ermahnung gedient werden. Aber am notwendigsten ist die Arbeit am Recht selbst. Am stärksten wird für die Gerechtigkeit der Gesellschaft gesorgt, indem die Möglichkeit der Ungerechtigkeit dadurch bekämpft wird, daß das System der erlaubten Verhaltungsweisen der Menschen zueinander, das im Recht gegeben sein soll, nach den Prinzipien der Gerechtigkeit ausgebaut und verbessert wird. Hierdurch wird der Geist zur Gerechtigkeit erzogen und der Widerstand gegen die zerstörende nnd zersetzende Ungerechtigkeit ermöglicht und gestärkt. Deshalb ist die Arbeit an der Gerechtigkeit vor allem eine Arbeit am Recht, die Sorge dafür, daß das Recht durch die Prinzipien der Gerechtigkeit beherrscht werde, und nicht nur durch Tendenzen des Wirtschaftliehen Egoismus. Muß es den Juden am Herzen liegen, die sozialen Motive im Leben nicht allein wirken zu lassen, vielmehr der Selbständigkeit der ethischen Forderungen zu der ihr zustehenden Wirksamkeit zu verhelfen, so müssen sie auch an der Umbildung des