Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 60 (1916)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Wesen und Mission des Judentums
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 423 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Wesen und Mission des Judentums. 423 Egoismus, die das soziale Leben treiben, entfernt. Sie steht diesen Inhalten und Motiven des Lebens ferner als Wissenschaft und Philosophie, was sich schon aus ihrem apodiktischen und dogmatischen Inhalt ergibt; wohingegen die Wissenschaft in systematischer Ableitung von den zunächst gegebenen Unvollkommenheiten ausgehen und aufsteigen muß, auch aus den sozialen Bedürfnissen zu großen Teilen erwachsen ist. Aber ebenso wie zum wirtschaftlichen Egoismus, steht die Religion auch im Gegensatz zur theoretisch-anschauenden Geistesrichtung. Während letztere stets nur einen begrenzten Teil der Wirklichkeit faßt — die bloß mechanisch ־ materialistische Anschaumig wird durch den Ausschluß der Strebensziele des Lebens begrenzt, während die idealisierte Anschauung durch den Gegensatz des materialen Wirklichen ihre Grenze findet — umfaßt die Religion in Vorstellung und Wirken das gesamte Weltdasein, wie es vom Tatsächlichen ausgeht und über Gefühl und Willen sich zum Erstrebten erstreckt. Mögen auch die Religionen je nach der Anlage der Völker verschiedenartig sein, indem sie bald mehr die Gefühlsseite, bald — wie im Judentum — mehr die Willensseite betonen; sie umfassen stets Sein und Streben in einer umfassenden Lebensauffassung. Hieraus ergibt sich, daß die auf die Gerechtigkeit gerichtete Willensrichtung, die wir als Kennzeichen jüdischen Wesens geschildert haben, ein Teil des religiösen Lebens ist. Außer dem Anschauen und Empfinden des Ideals gehört das Streben auf Herauswirkung der Welt der Gerechtigkeit aus der gegebenen Welt der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu der geschilderten Geistesart der Gerechtigkeit. Diese ganze umfassende Geistesrichtung ist religiöser Natur. Die Bestrebungen zur Herbeiführung des messianischen Zustands durch Auswirkung der Prinzipien der Gerechtigkeit stellen die Eigenart der höchsten Form des jüdischen Geistes dar, der ein religiöser Geist ist. Es ist deshalb kein Zufall, daß nicht nur Thora und Propheten voller Rechtsgedanken und Rechtsforderungen sind, sondern ferner auch die Juden des Mittelalters während der ganzen langen Zeit